Kunst und Wissenschaft Viele kreative Ideen für verwaiste Restaurant-Räume

Kunst und Wissenschaft loten Schnittmengen aus.

 Anke Büttner, Annika Greven, Uta Atzpodien und Daniel Hoernemann (v.l.) in der Zukunftsküche.

Anke Büttner, Annika Greven, Uta Atzpodien und Daniel Hoernemann (v.l.) in der Zukunftsküche.

Foto: Fischer, Andreas H503840

Das Restaurant hat schon bessere Tage gesehen. Die verschachtelt angelegten Räume mit Küche, Vorratskammern, Theke, Essensausgabe und -aufnahme sind schlichtweg verwaist. Und doch wieder nicht. Seit vier Wochen gehen Menschen ein und aus, verabreden sich, denken nach, hinterlassen Spuren. Etwa das Schild „Zukunftsküche“ über dem Eingang. „Wir wollen die Räume sukzessive auf ein höheres Energieniveau bringen“, sagt einer von ihnen.

Daniel Hoernemann ist Künstler und Organisationsentwickler. Begleitete als solcher im letzten Jahr auch den Ämtertausch von Opernintendant Schneider und Wuppertal Instituts-Präsident Schneidewind. Damals wie heute geht es darum, Schnittmengen von Kunst und Wissenschaft auszuloten, sich auszutauschen und in die Gesellschaft zu wirken.

Erster Schritt war das Buch „Die Große Transformation – Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels“, mit dem das Wuppertal Institut, damals noch um seinen Präsidenten Uwe Schneidewind, den Begriff „Zukunftskunst“ einführte. Und das Institut auf dem Döppersberg für Ausstellungen und die Begegnung von Kunst, Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft öffnete.

In diesem Geiste standen auch der Film „MenschUtopia“ 2016, der Ämtertausch 2019 oder die Bergischen Klimagespräche. Beim Ämtertausch wurden die leerstehenden Räume neben dem Dürer-Haus „entdeckt“, die ehedem dem Institut als Kantine gedient hatten.

Idealer „Möglichkeitsraum“ für weitere Zusammentreffen von Kunst und Wissenschaft, eine „Zukunftsküche“, finden die Kunstschaffenden Uta Atzpodien und Daniel Hoernemann. Eine Küche, in der man sich nicht gegenseitig in die Töpfe guckt, sondern der Frage nach einer zukünftigen Nutzung nachgeht.

Im vergangenen März wollten die Wuppertalerin und der Bonner vor Ort nach einer Antwort suchen. Die Coronakrise kam dazwischen. Seither warteten sie auf das Go, um die rund hundert Quadratmeter zusammen mit anderen zu „erobern“. Nun sind sie endlich da – mit Zugeständnissen an die Coronakrise: Nur wenige Künstler und Wissenschaftler kommen wirklich, viele treten virtuell in Kontakt. Außerdem präsentiert man sich noch nicht der Öffentlichkeit.

Offener Raum für Reflexion
und den Beginn eines Prozesses

Wer an dem Gebäude vorbeigeht und genau hinschaut, kann natürlich doch etwas sehen: Anke Büttner und Gregor Eisenmann haben nach außen sichtbare Zeichen hinterlassen. Die Malerin hat auf die Eingangstür eine ihrer typischen Frauenfiguren aufgebracht, in stolzer und auffordernder Pose. Der Lichtkünstler hat eine seiner faszinierenden Installationen hinter ein Fenster gestellt. „Wenn du willst, kannst du aufmachen“, hat Büttner zudem auf den Boden des Eingangsbereichs und Eisenmann „Schau mal rein“ auf die Fensterscheibe geschrieben.

Aufforderungen zum Handeln und Denken. Und zum Besuch. Vertreter der Sommerakademie für eine klimagerechte Kulturpolitik, die vor kurzem in Wuppertal tagte, schauten vorbei. Und diese Woche der Internationale Beirat. „Es tut sich wirklich viel“, freut sich Dramaturgin Atzpodien, verweist auch auf die gerade fertiggestellte Stadtlandkarte „Zukunftslabor Kunst und Stadt“ (siehe Kasten) und das Prozesshafte des Projekts: „Das ist hier ein offener Reflexionsraum. Wir wollen einen Prozess anleiern, anregen, das ist fast wie bei der sozialen Plastik von Beuys.“

Absprachen darüber, wer was in den Räumen macht, gibt es keine: An einer Wand hängt eine ausgedruckte Studie über Arbeit, an einer anderen wurde gebrainstormt, wieder an einer anderen hängt eine Wuppertal-Karte mit der Aufschrift „autofreie Stadt“.

Überall finden sich Sprüche – von „gemeinsam statt einsam“ bis „slow statt fast“. Auf einem Kochfeld steht „Wissen ist Nahrung“ und der erdende Zusatz „wie viel Kalorien?“, auf einem anderen wird festgestellt, dass Kunst und Wissenschaft „auf kleiner Flamme kochen“, wird Transformation angemahnt.

Überall stehen weiße Pappwürfel bereit, die Menschen gestalten können. Einer ist mit konkreten Raumnutzungsideen beschriftet, als Ort für Gutes oder für Fahrradverleih, für Einzigkartigkeit oder Kitchendance, für Yoga oder Essen.

Die Kreativität solle nicht von oben verordnet, sondern durch das Mitmachen aller erreicht werden, sagt Annika Greven, die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Wuppertal Instituts ist, sich als Sprachrohr von Kunst und Wissenschaft versteht und den Prozess wissenschaftlich begleitet.

Wann der endet, die „Besetzer“ die Küche wieder verlassen müssen, ist offen. Die Zukunft hat ja gerade erst begonnen.

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