1. NRW
  2. Wuppertal
  3. Kultur

Über Friedrich Engels wird in Wuppertal kontrovers diskutiert und nachgedacht

Vortragsreihe : Über Friedrich Engels nachdenken und kontrovers diskutieren

Am Donnerstag, 13. August, startet eine neue Reihe zu Wuppertals bekanntestem Sohn.

Es geht um Denkanstöße, um kritische Reflexion und durchaus auch kontroverse Auseinandersetzung. All das findet bislang zu wenig Berücksichtigung im Engelsjubiläumsjahr der Stadt. Sagen Rainer Lucas, der seit vielen Jahren in Wuppertal lebt, und Reinhard Pfriem, der hier aufwuchs. Gemeinsam verantworten sie „Engels neu denken“, eine sechsteilige Dialogreihe, die all das bieten will. Ab Donnerstag mit hochkarätigen Referenten, die sechs Veranstaltungen in der Citykirche, in der Färberei und im Knipex-Forum bestreiten.

„Viele denken, Engels, das ist doch 19. Jahrhundert. Wir fragen: Was hat er uns heute zu sagen? Wir verbinden deshalb aktuelle Themen wie Migration, Wachstum oder Unternehmertum heute mit dem, was er gesagt hat“, erklärt Industriekaufmann und Diplom-Ökonom Lucas, der zum Kuratorenteam des Engelsjahres gehörte. Ganz aktuelles Beispiel: Bei der Coronakrise würde Engels fragen, warum ihre Ursache nicht aufgeklärt werde und warum sie sich in den Bevölkerungsschichten unterschiedlich auswirke. „Beide Aspekte gehen aktuell unter.“ Überdies sei die Rezeptionsgeschichte wichtig: Das Engelsjubiläumsjahr stelle den berühmten Sohn der Stadt entweder auf einen Sockel („die chinesische Variante“) oder historisiere ihn (etwa in der großen Ausstellung im Haus der Jugend in Barmen). Warum er berüchtigt sei, werde nicht besprochen.

Dabei sei mit der grundsätzlichen Kapitalismuskritik der letzten Jahre auch das Interesse an Marx und Engels gewachsen, sagt der Wirtschaftswissenschaftler, Politologe und Philosoph Pfriem. Und nennt einen weiteren Aspekt: Engels werde bis heute nicht angemessen gewürdigt. Er selbst habe sich als zweite Violine beschrieben, stehe bis heute im Schatten von Karl Marx, so dass übersehen werde, dass er wichtige Themen eigenständig bearbeitet und manchmal Marx erst auf den Weg gebracht habe. Beispiele: Er habe die Bedeutung der Ökonomie erkannt, als Marx noch philosophierte, habe vorhergesehen, dass eine primär auf ökonomische Ziele ausgerichtete Gesellschaft dauerhaft Schiffbruch erleide, habe festgestellt, dass sich die Natur am Menschen rächen werde. Wie ganz aktuell die Coronakrise beweise.

Er war auch eine durchaus berüchtigte Person

Nun also die Dialogreihe, die auf dem Buch „Arbeiten am Widerspruch – Friedrich Engels zum 200. Geburtstag“ basiert, das die beiden im Verbund mit Hans-Dieter Westhoff (ehemaliger Kurator des Engelsjahres) im Januar herausgegeben haben. 20 Fragen ohne Anspruch auf Vollständigkeit hatten sie erarbeitet und an etwa 50 Wissenschaftler aus dem gesamten Bundesgebiet geschickt, die einen Bezug zu Wuppertal und zu Engels haben und den Bogen vom 19. ins 21. Jahrhundert spannen sollten. Die durchaus kritischen und widersprüchlichen Antworten, darunter auch die der Herausgeber, gliederten sie in vier Komplexe: Von „Leben, Suchen, Emanzipieren“ über „Weltanschauung, Religion, Materialismus“ und „Arbeiten, Leben, Geschlechterverhältnis“ bis hin zu „Wissenschaft, Utopie, Zukunft“.

Während sich Pfriem ans Lektorat machte, kümmerte sich Lucas um eine Vortragsreihe, die nicht Lesekreis, nicht Spiegel des Buches, sondern Diskursformat werden sollte. „Wir wollen Impulsreferate, damit es etwas zu diskutieren gibt, ganz abgesehen davon, dass das auch der Diskussionskultur von Engels selbst entspricht“, erklärt Lucas. Im April sollten die Veranstaltungen starten, Pandemie und Lockdown haben den Auftakt auf den 13. August verschoben. Begleitet durch die Engels-Ausstellung (1 bis 3) oder den Förderverein Historisches Zentrum (4 bis 6), mit fast allen Referenten der ursprünglichen Planung. Weil coronabedingt weniger Besucher dabei sein können (50 in Citykirche und Färberei, an die 90 im Knipex-Forum) ist vorherige Buchung notwendig.

Den Anfang machen Lutz Becker (Leiter Business School der Hochschule Fresenius Köln), Lars Hochmann (Plurale Ökonomie Cusanus Hochschule Bernkastel-Kues) und Uta von Winterfeld (Lehrstuhl für Politische Ökologie Uni Kassel, Wuppertal Institut) zum Thema „Technikentwicklung und die Dialektik der Natur“.

„Wir wollen den Impuls geben, dass sich die Auseinandersetzung mit Engels lohnt. Wir wollen die Menschen neugierig machen auf das, was Engels war und machte und ein anderes Bild von ihm zeigen“, wirbt Lucas, der die Moderation am Donnerstag übernimmt und auf eine Verstetigung der Reihe im Anschluss hofft, vielleicht als Format in einer Bildungsreinrichtung. Vor allem aber wünschen sich die beiden „einen Schub“, der auch das Interesse von außen auf das Jubiläumsjahr in Wuppertal lenkt, so dass nach dessen Beendigung eine weitere intellektuelle und kulturelle Beschäftigung mit Engels im Tal folgt.