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„Talfahrt 2018“ läuft - Jubiläumsprogramm feierte ausgelassene Premiere in Vohwinkel.

Kabarett : Satirische Heimatpflege schont niemanden in Wuppertal

„Talfahrt 2018“ läuft - Jubiläumsprogramm feierte ausgelassene Premiere in Vohwinkel.

Vor ihnen ist keiner sicher - die Politiker, die Medien, die Stadtteile mit ihren Gremien und Aktivitäten nicht. Allesamt Akteure auf der Bühne der Stadt Wuppertal. Bei der Premiere seines Jubiläumsprogramms zum zehnjährigen Bestehen in Sachen satirischer Heimatpflege ging das Talfahrt-Ensemble nicht zimperlich, nicht immer niveau-, immer wieder aber liebevoll mit den Menschen und den Themen des Jahres 2018 in der Stadt im und am Tal der Wupper um. Motto:

Die „Talfahrt 2018“ beginnt unpünktlich, schließlich ist man im (Bürger-)Bahnhof Vohwinkel. Im ausverkauften Zuschauerraum wird die Wartezeit genutzt, um über die Probleme der unzuverlässigen Bahn im allgemeinen und der stillgelegten Schwebebahn im speziellen zu klagen. Damit ein Thema vorwegzunehmen, das auch die Herren Jens Neutag, Ulrich Rasch und Jürgen H. Scheugenpflug in ihrem gut zweistündigen Programm behandeln. Die Rollenverteilung dabei ist klar: Rasch singt ab und an mit, schweigt, lässt ansonsten das elektrische Klavier sprechen. Neutag ist für die überregionale Einordnung zuständig - blickt „über den Tellerrand“ auf den ultralangen Sommer, Hetzjagd in Chemnitz, Trump und Annegret Kramp-Karrenbauer) - schließlich ist der gebürtige Remscheider zugezogen. Er darf sich auch hin und wieder kräftig in Rage echauffieren und in einem ungebändigten Wortschwall etwa Schrebergärtner niedermachen, die über Kinderlärm klagen. Scheugenpflug ist vor allem fürs Liedgut da, das nicht nur das Programm auflockert, sondern auch Gelegenheit gibt, Themen mittels bekannter Melodien unterhaltsam zu veräppeln.

Politiker werden
reihenweise aufs Korn genommen

Außerdem ist er nah am Publikum und schaut der Bevölkerung aufs „Maul“. Kostprobe: Als Senior Hermann Oberkötter mit Bademantel, Krücke und dem Blick des Kur- und Swingerclubexperten „analysiert“ er Pina Bauschs Tanztheaterkunst ebenso wie die junge schwarz-grüne Koalition im Stadtrat.

Es wird viel gesungen an diesem Abend, das bergische Heimatlied, das im Mix mit dem Ballermannhit „Senegal, illegal, scheiß egal, Wuppertal“ zu neuen „Höhen“ geführt wird, macht den Anfang. Die Seilbahn wird besungen „Ich schweb’ mit dir, wohin du willst“, der ehemalige CDU-Oberbürgermeister auch: „Peter (Jung) hält die Fäden in der Hand. Der Fürst vom Küllenhahn. Alle sind ihm untertan.“

Das Ranking des Politikerbashings führt unangefochten Michael Müller (CDU) an („Du bist `ne Schande fürs Tal“), der mittels Rats-TV-Mitschnitt immer wieder auf dem Display am Bühnenrand in Dauerschleife sprechen darf. Nur Baudezernent Frank Meyer kommt fast genauso schlecht weg. Der Bildschirm ist überdies ein weiteres unterhaltsames Element des Programms. Hier lassen sich neben Sequenzen aus Ratssitzungen (mit OB Mucke, Kulturdezernent Nocke, Bürgermeisterin Schulz oder Stadtdirektor Slawig), die „Netflix und Lindenstraße in den Schatten stellen“, Fotomontagen oder Zeitungsartikel einblenden.

Überhaupt die Zeitung. Sie ist einerseits Basis des Jahresrückblicks, der „die Chronik des Wahnsinns“ nach Quartalen serviert - ob neuer Döppersberg, Engelsjahrplanung, Schlangen beim Einwohnermeldeamt Starkregen, leerstehende Flüchtlingsunterkunft Arthotel oder die Kündigung der Tanztheater-Intendantin Binder - „Einen Job in der Kultur macht man nicht zu Ende, das ist wie beim WSV“. Andererseits ist sie selbst Objekt für Spott. So verwandelt sich ein Ticker der WZ zur vermeintlichen Bombenentschärfung in der Schloßbleiche zur unterhaltsam vorgetragenen Krimiinszenierung. Oder wird die Einbruchskarte der WZ als Tippgeber für Langfinger gedeutet.

Fazit: „Schön ist es hier im Tal zu sein“ - singt es immer wieder von der Bühne. Die Zuschauer bestätigen dies mit viel Applaus und herzlichem Lachen.