Tänzerisches Tête-à-Tête im Wald: Altes Stück — neuer Jubel

Tänzerisches Tête-à-Tête im Wald: Altes Stück — neuer Jubel

16 Jahre nach der Uraufführung begeistert „Nur Du“ erneut das Publikum.

Wuppertal. Wer im Grünen steht, sieht oftmals den Wald vor lauter Bäumen nicht. Man könnt es aber auch so sehen: Dass die meisten der 22 Tänzer im Opernhaus längst zum Stamm-Personal gehören, darf in diesem Fall ruhig wörtlich genommen werden. Die Ensemblemitglieder des Wuppertaler Tanztheaters haben riesige Baumstämme hinter sich, stehen in einem überdimensional großen Wald, tanzen virtuos vor dicken Rinden, machen den eigenen Körper zum Werkzeug, klettern kokett übereinander, verrenken sich zur Freude des Publikums, lachen, kichern und spielen mit allem, was dazugehört — mit Wasser, Bällen, Luftballons.

Und immer schwingt er mit, der Kontrast zwischen fein fließenden Bewegungen und harten Baumstämmen, zwischen Natürlichem und Künstlichem. „Nur Du“, 1996 im Schauspielhaus uraufgeführt und seit Freitagabend als Neueinstudierung im Opernhaus zu sehen, ist in Los Angeles, dem Mekka der Schönen und Schöngemachten, entstanden. Kein Wunder also, dass es reichlich Seitenhiebe auf Operationen gibt, die zwar den Körper verändern, Geist und Seele jedoch nicht zwangsläufig erfrischen.

Das ist nicht neu — und dennoch bezaubernd. Zumal mehr als die Hälfte der Tänzer schon bei der Uraufführung vor 16 Jahren buchstäblich im Wald stand. Das spürt man: Das Zusammenspiel lebt von Harmonie und routinierter Lässigkeit, das Timing stimmt, die Soli bewegen sich auf höchstem Niveau.

Überhaupt: Im Vergleich zu anderen Stücken, die mehr Schauspiel als artistische Bewegung bieten, gelingt Pina Bausch in „Nur Du“ ein ausgewogener Spagat zwischen Tanz und Theater. Das Auge darf sich also freuen — denn der heitere Szenenreigen vereint zahlreiche Solo-Auftritte. Auf der Bühne wird viel getanzt, im Publikum viel gelacht.

Stamm-Gäste des Wuppertaler Tanztheaters ahnen es längst: „Nur Du“ gehört zu den Stücken, die vor allem ruhige Töne anschlagen, dabei aber eher fröhlich als melancholisch wirken.

Das mag nicht zuletzt an der Musikauswahl liegen. Indianische Flötentöne, mexikanische Walzer, argentinische Tangos und US-Jazz machen aus der Amerika-Show einen amüsanten Bilderbogen — Erinnerungen an Tanzschule, Barbecue und Cheerleader inklusive. Dass die US-Hommage eine Zeitreise ist und auf längst vergangene Tage zurückblickt, stört nur punktuell.

Eine Klammer ist hauptsächlich im ersten Teil zu erkennen. Immer wieder blitzen unter den (farben)prächtigen Kleidern Busen hervor, die Prüderie in Amerika wird sichtlich aufs Korn genommen. Serviert wird das Ganze — Pina-Bausch-typisch — mit einem kecken Augenaufschlag, der mehr sagt als tausend Worte.

Und wenn doch etwas explizit gesagt werden muss, bringt es Dominique Mercy auf den Punkt: „Kalifornien ist ein toller Platz zum Leben — wenn du eine Orange bist.“ Mercys integrierte One-Man-Show gehört zu den bewegendsten Momenten des Abends. Im eleganten blauen Ballkleid gibt er die selbstbewusste Diva und verstellt im rasanten Wechsel seine Stimme — der geneigte Zuschauer hört durchaus heraus, dass der Konkurrenzkampf in Hollywood nicht nur Ruhm bringen kann, sondern auch einsam macht und Selbstzweifel schürt.

Während Nazareth Panadero das rollende „R“ zelebriert wie keine Zweite und sich „Cheerleaderin“ Julie Anne Stanzak als hinreißender Wirbelwind entpuppt, verfällt Fernando Suels Mendoza in exzessive Lachanfälle. Regelmäßig verziehen die Tänzer skurril ihre Gesichter, lächeln schelmisch und bewegen sich ungeniert auf dem Laufsteg der Eitelkeiten. Weiße Mäuse gehören auch dazu. Das hat nicht immer — vor allem nicht im zweiten Teil — einen ersichtlichen roten Faden, jede Szene für sich ist jedoch ein Genuss. Außerdem gilt ja: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück.

Und so verfehlt das tänzerische Tête-à-Tête seine Wirkung nicht: Das Publikum feierte die Tänzer mit Bravo-Rufen und stehenden Ovationen, wollte sie am Samstag kaum von der Bühne lassen. Nach dreieinhalb Stunden dürften Stamm-Zuschauer in ihrem Urteil bestätigt sein: Das Wuppertaler Ensemble ist in Olympia-Form — London kann kommen.

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