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Stehende Ovationen für ein kammermusikalisches Juwel in Wuppertal

Musiker des Sinfonieorchesters spielten Schuberts Quintett C-Dur in der Stadthalle : Stehende Ovationen für ein kammermusikalisches Juwel

Musiker des Wuppertaler Sinfonieorchesters spielten erstmals nach der Corona-Pause wieder ein Konzert in der Historischen Stadthalle.

Das Sinfonieorchester hat am Dienstag erstmals seit der Coronakrise wieder vor Publikum in der Historischen Stadthalle gespielt. Auf dem Programm eines von zwei kammermusikalischen Konzerten stand Franz Schuberts Quintett C-Dur op.pot 163 D 956. Das begeisterte, wegen Corona reduzierte Publikum spendete großen Applaus und stehende Ovationen.

 Franz Schuberts starb am 19. November 1828. Ob er den Spätfolgen der Syphilis oder einer Typhuserkrankung erlag, ist nicht mehr zu klären. Trotz allem komponierte er zwei Monate vor seinem Tod noch im Umzugsstress sein größtes kammermusikalisches Werk, das Streichquintett C-Dur (Streichquartett mit 2. Violoncello), welches musikalisch weit in die Zukunft wies und mehr als 20 Jahre nach seiner Vollendung uraufgeführt wurde. Zwischen höchstem Glück und einer „miserablen Wirklichkeit“, unter der Schubert vielleicht sein Leben lang litt, bewegt sich diese hochromantische Kammermusik. Wegen „miserabler Wirklichkeit“ infolge Corona kam das disziplinierte Publikum am Dienstag mit Mund-Nasenschutz in den Mendelssohnsaal der Stadthalle.

Im Gegensatz zu den Mozart- und Beethovenschen Streichquintetten mit jeweils zwei Bratschen erweiterte Schubert die Quartettliteratur um ein zweites Violoncello. Der so bedingte tiefe, melancholische Klang entsprach möglicherweise eher der Stimmung des Komponisten zwei Monate vor seinem Tod. Die Celli teilen sich ihre Aufgabe als Bass im Quartett und zusätzlich sonorem solistischem Gesang in mittlerer und auch stellenweise hoher Lage.

Der gehaltene C-Dur-Akkord zu Beginn des Werks wird schnell in den romantisch unsicheren verminderten Septakkord erweitert, aus dem der erste musikalische Gedanke mit Triller hervorbricht, bevor die beiden Celli parallel das lyrische Seitenthema anstimmen. Düster und konfliktreich entwickelt sich die gewaltige, nahezu sinfonisch und bedrohlich anmutende Durchführung. Später wird das lyrische Seitenthema von Cello und dunkler Bratsche erneut angestimmt. Schmelzend singen die Violinen in der Coda. Das Eingangsmotiv wird zwischen Violoncello und Violinen buchstäblich zerrissen, bevor der Satz im elegischen Abgesang seelenvoll endet.

Zwischen höchstem Glück
und miserabler Wirklichkeit

Im langsamen Adagio des zweiten Satzes pulsieren das punktierte Motiv der ersten Geige gegen Cello-Pizzikati und unendliche Streicherharmonien. Aber die Stimmung wechselt, wenn bedrohliches Cello-Tremolo in der Tiefe gegen inzwischen synkopale Melodiefetzen der oberen Streicher anwühlt. Stehende Klänge, spannungsvoll in lupenreinem Zusammenspiel gegen melancholische lebendige Dynamik gesetzt, bilden reine Emotionen ab.

Die Zuhörer wissen sofort, wovon die Rede ist. Im lebhaften dritten Satz macht sich ein flinkes burschikoses Scherzo breit. Nach dem ersten Teil des Satzes breitet sich ein rezitativischer Mittelteil mit dunklen Akkorden aus. Bratsche und Violoncello steigen unisono in die Tiefe. Das Triller-Motiv des Beginns führt zu trauriger Ruhe. Entwickelt sich aus dieser Stimmung noch mal Leben? Ja, geschwind braust der A-teil des Satzes noch einmal vorüber.

Im Allegretto des Schlusssatzes brechen Wiener Ländler und Wiener Charme aus, wobei Donauschmalz von der hoch virtuosen ersten Geige elegant und mühelos umspielt wird. Endlose Harmonien halten gegen ruhig abfallend gebrochene Akkorde, bevor das volkstümliche Rondothema wieder erklingt. Im Fugato wird gegen Schluss das Tempo immer weiter angezogen und mit ausdrücklichem Vorhalt das Ende des Finales furioso erreicht.

Das begeisterte Publikum im nur zu einem Drittel besetzten Mendelssohnsaal bejubelte die Leistungen von Liviu Neagu-Gruber und Axel Heß, Violinen, Momchil Terziyski, Violo und, Karin Nijssen-Neumeister und Hyeonwoo Park Violoncello. Die Musiker des Sinfonieorchesters hatten sich Schuberts Juwel in hervorragender Weise angenommen.