Sonnige Aussichten: Tänzer holen den Urwald nach Barmen

Sonnige Aussichten: Tänzer holen den Urwald nach Barmen

Brasilien lässt grüßen: Fünf Jahre nach der letzten „Água“-Aufführung in Wuppertal begeisterte das Stück im Opernhaus.

Wuppertal. Auf die Idee, seiner Angebeteten einen Autoreifen zu schenken, kann wohl nur ein Mann kommen. Eine Frau, die weiß, dass im Leben nicht immer alles rund läuft und man deshalb jede noch so kleine Geste genießen sollte, staunt in diesem Fall am besten nicht wie ein Auto, sondern freut sich einfach.

Thusnelda Mercy macht es im Opernhaus vor. Sie tut so, als sei es das größte Geschenk, einen wuchtigen Reifen auspacken zu dürfen, der mit einer roten Schleife gekrönt ist und den ihr Damiano Ottavio Bigi überreicht, als sei er so wertvoll wie ein funkelndes Diamanten-Diadem.

Der ironische Blick auf rührende Rollenspiele, bitterböses Balzverhalten und fröhliche Flirtrituale gehört zum Werk von Pina Bausch (1940-2009) wie die Inspiration, die sie in fernen Ländern fand. Dass "Água" vor neun Jahren in Koproduktion mit Brasilien, dem Goethe Institut São Paulo und Emilio Kalil entstanden ist, zeigt sich heute nicht nur an den Requisiten: Sonnenbrillen im November, Palmen im Opernhaus und Männer, die zur Badehose Stöckelschuhe tragen - diese gewagte Mischung gibt es nur, wenn das Tanztheater Südamerika nach Wuppertal versetzt.

Im Barmer Urwald geht es heiß her: Die Damen brauchen Eiswürfel zum Abkühlen, die Herren sitzen wie die Bademeister auf einer Leiter und spähen in den ausverkauften Saal oder stolzieren wie die Affen über die Bühne. Spaß scheint jeder von ihnen zu haben: Am Ende bespritzen sie sich gegenseitig mit Wasser - wie unbeschwerte Kinder.

Kein Wunder, dass dem Publikum schnell warm ums Herz wird - spätestens wenn das Ensemble in den ersten Reihen keck und kontaktfreudig Kaffee verteilt oder Hände schüttelt.

Auch neun Jahre nach der Uraufführung und 17 Monate nach dem Tod von Pina Bausch hat ihr Stück nichts von seiner Eindringlichkeit verloren. Eines ist jedoch anders: Den Part, den früher Dominique Mercy getanzt hat, hat inzwischen Pablo Aran Gimeno übernommen. Mercy, der sich heute die künstlerische Leitung des Tanztheaters mit Robert Sturm teilt, hat stattdessen die Proben geleitet.

Das Ergebnis begeisterte am vergangenen Wochenende mehr als 2300 Zuschauer: Fünf Jahre, nachdem "Água" zuletzt in Wuppertal zu sehen war, gab es an drei ausverkauften Abenden ein fröhliches Wiedersehen mit der bunten brasilianischen Welt, die schon deshalb beste Medizin gegen jeden November-Blues ist, weil die Bühne von Peter Pabst weitschweifende Aussichten ermöglicht. Im Kontrast wirken die einzelnen Bilder besonders eindringlich: Vor den großflächigen Hintergrund-Projektionen spielen sich zu brasilianischer Musik von Baden Powell, Caetano Veloso oder David Byrne kleine intime Szenen ab.

Während Luftbilder den Eindruck erwecken, als fliege man im Helikopter über den Urwald, geht es vor der Leinwand darum, die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Männer heben Frauen fast in den Himmel, lassen sie auf ihre Schultern klettern und dann fallen. Das Spiel von Annäherung und Abstoßung, Vertrauen-Fassen und Fallenlassen-Können beherrscht das Ensemble perfekt.

Zwar gerät der Abend mit gut drei Stunden ein wenig (zu) lang, dafür spricht jede Szene für sich: Rainer Behr etwa will sich im wahrsten Wortsinn freischwimmen, muss sich aber erst von der liebessüchtigen Helena Pikon losreißen. Azusa Seyama hingegen spielt Wetterfee: Sie lässt einen Schuh fliegen, wartet augenzwinkernd ab, wo und wie er liegen bleibt, und sagt so die jeweilige Wetterlage voraus.

Mit anderen Worten: In Köln und Mülheim sollte gestern die Sonne scheinen. Auch wenn das am Ende nicht stimmte, waren die Zuschauer restlos begeistert. Was sie geahnt hatten, sollte sich bestätigen: Wer im November Wärme sucht, muss die Sonne schon im Herzen haben. Beim Tanztheater kann er sie auch auf der Bühne finden.

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