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Sinfoniker und ihr Instrument (5): Bratscher - die klangvollen Begleiter

Sinfoniker und ihr Instrument (5): Bratscher - die klangvollen Begleiter

Wuppertal. Jens Brockmann, seit 2003 Sinfoniker in Wuppertal, schätzt die große Bandbreite seines Instruments. Die WZ traf den Musiker zum Interview.

Herr Brockmann, die wichtigste Frage zuerst: Sagen Sie Bratsche oder Viola?

Jens Brockmann: Ich sage — wie die meisten meiner Bratschen-Kollegen — Bratsche. Ich glaube auch nicht, dass irgendeiner meiner Kollegen an den ersten oder zweiten Geigen zu seinem Instrument „Violine“ sagt, aber da kann ich mich natürlich auch irren.

Scheinbar ist die Bratsche nur eine größere Violine, einfach eine Quint tiefer gestimmt. Tatsächlich liegen aber Welten zwischen den beiden Instrumenten. Inwiefern?

Brockmann: Die Bratsche nimmt in der mehrstimmigen Literatur meistens eine begleitende Rolle ein und teilt somit ihr Schicksal mit den zweiten Geigen eines Sinfonieorchesters, so dass nicht immer Welten zwischen den beiden Instrumenten liegen müssen. Vergleicht man aber die solistische Literatur der beiden Instrumente, so kann man feststellen, dass die Geigenliteratur viel brillanter, virtuoser und reichhaltiger ist. Natürlich gibt es auch virtuose Konzerte für die Bratsche, doch steht zumeist die Klangentfaltung im Mittelpunkt, so dass die Werke tendenziell einen intimeren, ja manchmal sogar philosophischeren Charakter erhalten.

Wie würden Sie den typischen Klang der Bratsche bezeichnen?

Brockmann: Es ist wirklich nicht einfach, von einem typischen Klang der Bratsche zu sprechen, weil jedes Instrument sehr unterschiedlich ist. Jeder Bratschist dürfte auch eine eigene Klangvorstellung haben, nach der er sein Instrument aussucht. Da kann eine Bratsche auch mal fast wie eine Geige oder ein Cello klingen, woran man schon erkennt, wie groß die Bandbreite ist. Man sagt, dass die menschliche Stimme dem Tonumfang der Viola sehr nahe kommt.

Das eigentliche Zuhause der Bratsche ist die Kammermusik. Fühlen Sie sich dort auch am wohlsten?

Brockmann: Ich mache sehr gerne Kammermusik, besonders die Streichquartett-Literatur liegt mir am Herzen. Deshalb spiele ich schon seit langem im Wuppertaler Johannisberg Quartett mit meinen befreundeten Kollegen aus dem Sinfonieorchester. Ich habe mich 2003 allerdings mit einem anderen Streichquartett auf den ARD-Wettbewerb in München vorbereitet und bei diesen intensiven Proben dann doch immer wieder das Spielen im Sinfonie- und Opernorchester vermisst. Besonders gerne wirke ich auch in kleineren Barockensembles mit. Diese Gelegenheit ergibt sich aber leider zu selten. Das Zuhause der Bratsche besteht also für mich aus verschiedenen Zimmern.

Die meisten Bratschisten haben als Kind zunächst Geige gelernt und sind dann zur „großen Schwester“ gewechselt. Ist das zu empfehlen?

Brockmann: Ich habe selbst diesen Weg bestritten — und auch die meisten meiner Kollegen haben es. Ob diese Reihenfolge zu empfehlen ist, kann ich nicht sagen, da ich auch einige sehr gute Bratschisten kenne, die nie Geige gespielt haben (sogenannte „Edelbratscher“). Kinder können — ebenso wie bei der Geige — kleine Bratschen beim Geigenbauer ausleihen oder kaufen.

Brockmann: Vor allem braucht man, denke ich, Flexibilität, das heißt also einerseits Einfühlungsvermögen und Teamgeist — um Kollegen anderer Instrumentengruppen bei ihren Soli zu unterstützen, sich gegebenenfalls unterzuordnen und anzupassen. Andererseits benötigt man aber auch die Fähigkeit, mal plötzlich kurzzeitig aus dem sinfonischen Geschehen aufzutauchen, es an sich zu reißen und die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Haben Sie ein Lieblingsstück?

Brockmann: Ja, die Sinfonia concertante von Wolfgang Amadeus Mozart, da das Stück aus meiner Sicht an Lebendigkeit nicht zu übertreffen ist.

Es gibt eine ganze Reihe an Vorurteilen gegenüber Bratschisten — und viele Varianten an Seitenhieben über die angeblich langsamen, schwerfälligen Spieler. Lachen Sie mit? Oder was antworten Sie, wenn Sie Bratschen-Witze hören?

Brockmann: Ich bin jedes Mal erfreut, einen neuen Bratschen-Witz zu hören. Leider kenne ich schon die meisten, weil meine Freunde keine Gelegenheit auslassen, mir den neuesten Witz zu erzählen.