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Sinfonieorchester Wuppertal erarbeitet Konzerte und spielt ohne Publikum

Sinfonieorchester Wuppertal : „BesserWeiterSpielen“ - was das Sinfonieorchester im Lockdown macht

Neues Format, neue Aufnahmen und ein Fitnesstraining für die Musiker.

Er hat einfach keine Lust mehr, alle zwei Wochen Programm und Konzepte zu überarbeiten. Wenngleich er so ganz aus der Nummer nicht rauskommt. Schließlich gibt es einen Spielplan und verabredete Konzerte. Die aber auf absehbare Zeit nicht vor Publikum aufgeführt werden dürfen. Weshalb Orchestermanager Benjamin Reissenberger nach etwas „Krisensicherem“, also von der Corona-Pandemie unabhängigem gesucht hat, das  zugleich die Qualität des Sinfonierorchesters sichert und  ihm neue Fertigkeiten eröffnet. Die Lösung heißt „BesserWeiterSpielen“, das Format „nutzt die Krise, um weiterzukommen“.

Die Spielzeit 2020/21 hatte gut begonnen, „alles was wir durften, haben wir auch gemacht“, erinnert Reissenberger. Bis einschließlich Oktober wurde konzertiert, das Publikum zog mit, kaufte alle Tickets, die unter Wahrung der Sicherheitsabstände ausgegeben  werden durften. Denn: „Die Leute fühlten sich sehr sicher bei uns.“ Die Konzepte für November und Dezember freilich mussten gekippt werden, der Lockdown übernahm die Regie, „das schmerzt uns und das Publikum sehr“. Müsse aber akzeptiert werden, so Reissenberger, auch wenn er natürlich dafür sei, bald wieder öffnen zu dürfen.

In der Zwischenzeit bringt „Besser WeiterSpielen“ bis zu 20 Musiker und einen Gast-Referenten aus einem bekannten Orchester zusammen, die gemeinsam ein Konzert erarbeiten. Dabei finden sich mal besondere Instrumentengruppen zusammen, wird mal selten gespielte Musik einstudiert, kommt mal ein besonderer Musiker in die Stadt. Der WDR zeichnet die Konzerte auf, bereitet sie journalistisch auf und sendet sie ab März im Radio. Gestreamte Livekonzerte dagegen lehnt Reissenberger ab.

 Den Anfang sollten 13 Sinfoniker, 12 Bläser und ein Kontrabassist machen. Gemeinsam mit dem ausgezeichneten Soloklarinettisten der Wiener Philharmoniker, Matthias Schorn, sollte vom 17. bis 19. Dezember die Gran Partita von Mozart   erarbeitet werden, die  extrem hohe Anforderungen an Intonationssicherheit und Zusammenspiel stellt, so der Orchestermanager. Am 19. Dezember sollte das Konzert in der Immanuelskirche ohne Publikum aufgeführt und aufgezeichnet werden. Der Plan zerschlug sich  - vorerst. Die österreichischen Reisebeschränkungen unterbinden derzeit ein Zusammenkommen.

CD-Aufnahme in der
Historischen Stadthalle

Also rückt ein weiteres Konzert mit Blechbläsern in den Fokus, das ebenfalls im Dezember erarbeitet werden soll. Christopher Houlding, Professor für Posaune und Blechbläserensemble der Folkwang Universität Essen und der Guildhall School of Music & Drama in London, leitet den Workshop.  Am 1. Weihnachtstag um 18 Uhr wird das Ergebnis per Stream ausgestrahlt, in Vertretung des Weihnachts-Chorkonzerts. Die Stadtsparkasse Wuppertal hilft bei der Übertragung.

Und 2021 hofft Reissenberger mit Dorothee Oberlinger „einen Star der Blockflöte“ nach Wuppertal holen zu können. Sie werde sich mit den Streichern der eher selten gespielten italienischen Barockmusik zuwenden.

Bei den Wuppertaler  Musikern stoße das „Fitnesstraining“ auf großes Interesse, weil es sie herausfordert, an ihrer Musikleidenschaft andockt. Das Publikum hat auch etwas davon - im Radio und später, wenn es wieder Livekonzerte mit durchtrainierten Sinfonikern gibt.

Unabhängig davon ist Beethoven-Jahr, steht im Dezember das vierte Sinfoniekonzert mit der ersten Sinfonie und dem  5. Klavierkonzert des Komponisten an. Das für ein Gastspiel in Lissabon im April vorgesehene Konzert wird nun mit Generalmusikdirektorin Julia Jones und Starpianist Artur Pizarro am 12. Dezember (also nahe am vermuteten Geburtstag Beethovens) ohne Publikum in der Historischen Stadthalle nachgeholt. Mit Hilfe von Dagmar Birwe, Professorin für künstlerische Musikproduktion an der Robert Schumann Hochschule in  Düsseldorf, wird das Konzert mitgeschnitten, die CD soll später an die Abonnenten verschenkt werden.

Auch die fünf Klavierkonzerte Beethovens, die wegen der Coronakrise nicht gespielt werden konnten, wurden nicht aufgegeben - im Januar werden sie mit Jones und Pizarro in der Immanuelskirche eingespielt und aufgenommen. Fortgesetzt wird auch das Format „Nur für Sie“, bei dem kammermusikalische Abordnungen des Orchesters vor Menschen in Einrichtungen spielen - „wir achten natürlich darauf, dass es keinen direkten Kontakt mit dem Publikum gibt“, so Reissenberger.

Weitere Konzerte mit Publikum, auch das Neujahrskonzert, bleiben bis 16. Januar abgesagt. Das fünfte Sinfoniekonzert mit Julia Jones und der bekannten Sopranistin Angela Denoke im Januar aber, gibt Reissenberger  (noch) nicht auf. Und der neue Generalmusikdirektor Patrick Hahn, Nachfolger von Jones ab der nächsten Spielzeit kommt auch - im Juli „mit einem Knaller“.