Simon Stricker ist der Erzähler in der „Rocky Horror Show“ in der Wuppertaler Oper.

Show : Schrille Fahrt auf dem Highway

Simon Stricker ist der Erzähler in der „Rocky Horror Show“ in der Wuppertaler Oper.

Sein Weg führte nicht direkt zur „Rocky Horror Show“. In der Abiturklasse gab es den Musiklehrer, der ihn zwar fürs Singen begeistern konnte, für das Musical und seinen „Time Warp“ aber nicht. „So erging es den anderen Schülern auch, und am Ende wollten alle mitmachen. An mir ging das aber irgendwie vorbei“, erinnert sich Simon Stricker. Der Baden Württemberger ist Sänger an der Wuppertaler Oper, seine Traumrolle ist der Jochanaan in der Strauss-Oper „Salomé“. In diesen Jahresendtagen aber schlüpft der Bariton in die Rolle des Erzählers des Kult-Musicals aus den 70er Jahren. Mit großem Spaß.

Als Simon Stricker 2016 nach Wuppertal kam, hatte sich sein „Kenntnisstand“ ein wenig verbessert. Bei den Burgfestspielen in Jagsthausen hatte er sich 2011 das schrille Mitmach-Musical auf der Bühne angeschaut. Hatte es „total inspirierend und trashig“ empfunden, eine musikalische wie inhaltliche Sogkraft gespürt. Auch hatte er den Kinofilm gesehen, der 1975 gedreht worden war. Ein Fan war er dennoch nicht, als er gefragt wurde, ob er den Erzähler spielen würde. „Ich habe erst mal ‚ja’ gesagt. Wollte mich überraschen lassen.“ Recherchierte nicht, wie Charles Gray im Film seine Rolle angelegt hatte. Dass er die Proben als stressig in Erinnerung hat, liegt daran, dass er damals die ernste Oper „AscheMOND“ einstudierte. „Ein Kontrast wie Himmel und Hölle.“

Publikum ist mit Fantüte
und Zwischenrufen dabei

Wer in die „Rocky Horror Show“ geht, erlebt nicht irgendeine Unterhaltungsshow, er/sie taucht in eine Welt ein, in der Bühne und Publikum verschmelzen. Für die gewollte Interaktion gibt es einen Knigge samt Fanartikeln (eine Tüte mit Reis, Konfetti, Klopapier oder Wasserpistole) und Aufforderung zu dramaturgisch eingesetzten Zwischenrufen. Der Erzähler wird immer wieder durch „Boring“-Rufe unterbrochen. Eine Störung, an die er schon bei den Proben gewöhnt werde und eine Herausforderung, die seine Rolle spannender mache und in jeder Show anders ausfalle, so Stricker: „Manchmal ist das Publikum wie eine Wand, das ist dann leichter für mich, da ich es eh nicht verstehe.“ Schwieriger sei es, wenn es unterschiedlich brülle. Dann müsse er kämpfen. Und wenn das Boring beim Applaus wie ein Buh klinge, könne das auch etwas verunsichern.

Dieser Erzähler ist alles andere als passiv, dieser Erzähler ist dauernd unterwegs, taucht überall auf der Bühne auf. Ob als Priester, den Kopf unter der Kapuze versteckt, oder Tänzer, ob auf der Kanzel, oder als Talkshow-Moderator, der Thomas Gottschalk gleich das Gespräch führt. Und dieser Erzähler wandelt sich, beginnt als Priester im schwarzen Gewand, der Kleidungsstück für Kleidungsstück zum sündigen Teufel in roter Spitze und mit wachsenden Hörnern am Kopf mutiert. Stricker: „Ich mag die Energie des Stücks, seinen Drive. Es erinnert mich etwas an den Figaro. Es ist wie eine Fahrt auf dem Highway nach unten.“

Seit der Spielzeit 2016 wird das Gastspiel des Staatstheaters Saarbrücken immer wieder in Wuppertal aufgeführt. Zuletzt im September. Dabei passt es doch viel besser zu Silvester. Dass Simon Stricker arbeiten muss, wenn andere feiern, ist für ihn kein Problem. „Das gehört in meinem Beruf dazu.“ Und wenn er nach der Aufführung noch eine Stimme habe, werde er eben dann feiern – vermutlich in der Oper. Die Familie habe sich auch daran gewöhnt. Über Weihnachten sei er bei ihr gewesen und im Februar habe er eine Woche „opernfrei“, dann besuche er sie in Süddeutschland wieder.

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