Scott David Jennings: Auf dem Sprung ins Bausch-Ensemble

Scott David Jennings: Auf dem Sprung ins Bausch-Ensemble

Von London nach Wuppertal: Für Scott David Jennings ist das Tanzen eine Entdeckungsreise.

Wuppertal. Sein Einstand verlief anders als geplant. Als der Tänzer Scott David Jennings im November 2012 seinen ersten offiziellen Arbeitstag auf Wuppertaler Boden absolvieren sollte, wirbelte „Sandy“ alles durcheinander. Der Hurrikan, der New York lahmlegte, hielt Jennings neue Kollegen jenseits des Atlantiks fest: Weil das Tanztheater Wuppertal nach einem umjubelten Gastspiel tagelang nicht nach Hause fliegen konnte, stand der Brite im Barmer Probensaal nahezu alleine da.

Zum Glück gab es Unterstützung aus Australien: Wäre Paul White nicht gewesen, hätte sich der 24-Jährige im wahrsten Sinne wie bestellt, aber nicht abgeholt fühlen können. So aber war der Saal ganz in den Händen Englisch sprechender Tänzer: Zusammen mit dem Australier Paul White, dem zweiten Neuen, legte Jennings los. Statt — wie geplant — vom kompletten Ensemble begrüßt zu werden, starteten die Neuzugänge Plan B. Sie probten unter der Regie von Bénédicte Billet und ließen sich von „Sandy“ nicht aufhalten: Ihre Reise konnte beginnen. Denn das ist, was Jennings sucht: „It’s a personal journey“, erklärt der 24-Jährige. Auf gut Deutsch gesagt: Es ist eine persönliche Reise. Womit er nicht nur sein neues Leben in Wuppertal, sondern auch das Tanzen ganz allgemein meint.

Dabei sprudeln die Worte nicht gerade aus ihm heraus. Der Neu-Elberfelder antwortet höflich, ruhig und überlegt — so, wie er auch auf der Bühne nach geeigneten Ausdrucksformen sucht. Ob er aus einer Künstlerfamilie stammt? Jennings schüttelt den Kopf. „Ich bin der Einzige in der Familie, der tanzt.“ Sichtlich fasziniert ist er von den Möglichkeiten, die ihm seine Berufung bietet. „Es ist eine Herausforderung und eine tolle Möglichkeit, mit dem Körper zu sprechen“, betont das neue Ensemblemitglied.

Wenn es um seine große Leidenschaft geht, fließen die Worte. Tanzen — das bedeutet für den Briten, sich an Grenzen heranzutasten. Präzise zu erforschen, wozu der eigene Körper in der Lage ist. Und zu entdecken, wie leistungsfähig er ist. Dazu gehört allerdings mehr als die reine Beweglichkeit: Es gehe darum, sich selbst zu finden, sagt Jennings — und sich selbst in eine Choreographie einzubringen. Mit dieser Überzeugung scheint er beim Tanztheater Wuppertal an der richtigen Adresse zu sein. Schließlich hat Pina Bausch (1940-2009) nicht nur auf der Bühne den modernen Tanz revolutioniert. Auch hinter den Kulissen ging die Star-Choreographin ungewöhnliche Wege — mit einer Arbeitsweise, die ein offener Prozess war und die Tänzer genauso forderte wie förderte.

Nun läuten Jennings und White jedoch einen Wendepunkt ein: Sie sind die ersten Tänzer, die nicht Pina Bausch selbst ins Ensemble holte. Für die Kompanie ist es ein Einschnitt — der Beginn einer neuen Ära. Zumindest, was die Auswahl neuer Ensemblemitglieder betrifft. Für Jennings wiederum war der Umzug von London nach Elberfeld ein buchstäblich großer Schritt. Denn die Stücke, die er derzeit erarbeitet, entstehen nicht neu — er übernimmt seine Partien von Kollegen. Wie er sich an das Repertoire herantastet? Per Videoaufzeichnungen und mit Hilfe der Ensemble-Kollegen. Jennings Ziel ist, „sich selbst in den Stücken zu finden — sich selbst einzubringen“.

Eines ist schon jetzt nicht zu übersehen: Unterschiedlicher könnten die beiden Neuen kaum sein. Während Paul White ein australischer Sonnyboy ist, wirkt der Brite nachdenklich und introvertiert. Man spürt, dass er sich über die neue Herausforderung freut, seinen Platz in der fremden Stadt aber noch finden muss — nicht nur White und Jennings, auch London und Elberfeld sind denkbar verschieden. Das größte Problem sei die Sprache, meint Jennings. Deutsch spricht er (noch) nicht — auch deshalb ist er froh, dass ihm White, der eineinhalb Jahre lang in Berlin lebte, zur Seite steht. Zumal eines sicher ist: Die beiden Tänzer, die im „Kontakthof“ ihren Einstand vor Publikum geben, werden am Donnerstagabend im Opernhaus nicht alleine sein. Ihre Wuppertal-Premiere ist ausverkauft. Mehr noch: „Sandy“ ist Geschichte, und die bergische Sonne strahlt — quasi zur offiziellen Begrüßung. Das „Reisewetter“ passt also, die Entdeckung kann weitergehen...

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