1. NRW
  2. Wuppertal
  3. Kultur

„Schwarze Hefte“ sorgen für Trubel

„Schwarze Hefte“ sorgen für Trubel

Die Veröffentlichung der Ideen Martin Heideggers löste ein Medienecho aus.

Wuppertal. Keine philosophischen Zeilen lösten in der Vergangenheit eine ähnlich große Medienkampagne aus als die Martin Heideggers — und das, bevor sie überhaupt erschienen waren. Ein globales Welt-Echo sei entstanden, eine Diskussion, die sich von Amerika über Europa bis nach China fortbewegt habe, sagt Peter Trawny, Gründer und Leiter des Martin-Heidegger-Instituts an der Bergischen Universität.

Grund für den weltweiten Dialog sind die sogenannten „Schwarzen Hefte“ der Jahre 1931 bis 1941, die im Rahmen der Gesamtausgabe Martin Heideggers im März erschienen sind und antisemitische Aussagen des Philosophen enthalten.

War Heidegger ein Nationalsozialist? Die Antwort lautet „Ja“. „Wir wussten bereits, dass sich Heidegger mit dem Dritten Reich verbunden fühlte“, erzählt Trawny, Herausgeber der „Schwarzen Hefte“. Dass Martin Heidegger ein Antisemit gewesen sein soll, konnte aber jahrzehntelang weder bestätigt noch widerlegt werden. Bis jetzt: Denn seine „Überlegungen“, philosophisch ausgearbeitete Aufzeichnungen, enthalten eine Reihe von Bemerkungen zum Judentum. Peter Trawny: „Heidegger nimmt ganz banale Vorurteile gegen die Juden auf und transformiert diese in einen philosophischen Kontext.“

Dass Martin Heidegger antisemitische Gedanken in seine Philosophie eingearbeitet haben soll, habe vor allem in Frankreich für einen Aufschrei gesorgt. Dort, wo Apologeten und Kritiker im Zentrum von Paris aufeinandertreffen, sei es vor der Erscheinung der „Schwarzen Hefte“ zu einem Medien-Zirkus gekommen.

„Einige haben versucht, die Herausgabe meines Buches zu verhindern“, sagt Heidegger-Spezialist Trawny. Das sei parallel zur Edition der „Schwarzen Hefte“ entstanden und ist unter dem Titel „Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung“ ebenfalls im März erschienen. Die antisemitischen Textstellen, in denen Heidegger das Judentum als „bodenlos“, „entwurzelt“ und mit einer „rechenhaften Begabung“ ausgestattet beschreibt, tauchen nah beieinander auf — in den Jahren 1938 bis 1949.

Was die Überlegungen Heideggers aus wissenschaftlicher Sicht für seine Philosophie künftig bedeuten werden, könne erst jetzt — nach der medialen Auseinandersetzung damit — geklärt werden. „Martin Heidegger wird einer der größten Philosophen des 20. Jahrhunderts bleiben“, sagt Trawny. Dennoch seien Äußerungen, die das „Weltjudentum“ als handlungsfähiges Kollektiv auszeichnen, welches „nach dem Rassenprinzip“ lebe, kein Randproblem: „Eine ernsthafte Auseinandersetzung damit ist nötig.“

Die Bergische Universität spielt dabei eine zentrale Rolle. Schon jetzt sei das Heidegger-Institut ein Forschungsmagnet gewesen. Nach der Veröffentlichung der „Schwarzen Hefte“ habe das Institut eine große Chance auch international seinen Schwerpunkt in der Heidegger-Forschung zu festigen, sagt Trawny.

Von den Kollegen erhalte er positives Feedback. Nie zuvor seien die Geisteswissenschaften der Uni Wuppertal (Fachbereich Philosophie) in diesem Maß beachtet worden. Aktuell bietet der Experte das Semi „Philosophie und Antisemitismus“ an, das mit mehr als 120 Studenten völlig überlaufen ist.