1. NRW
  2. Wuppertal
  3. Kultur

Sanftes Wiedersehen im Barmer Gebirge

Sanftes Wiedersehen im Barmer Gebirge

Die Wiederaufnahme wurde frenetisch gefeiert: „Rough Cut“ im Opernhaus.

Wuppertal. Wenn es um Wuppertals wichtigsten mobilen Kulturschatz, um den Exportschlager Nummer eins, geht, darf man doch nicht mit Nebensächlichem beginnen. Oder etwa doch? Der Herr in Reihe zehn strahlt so sehr über das ganze Gesicht, dass es schade wäre, es nicht zu tun. „Bonjour!“, ruft er in Richtung Reihe sieben.

Es ist Pause — und die Dame, die gemeint ist, längst wieder in freudiger Sitzbereitschaft. Sie hat mit glänzenden Augen im Opernhaus Platz genommen, dreht sich anmutig um und antwortet mit einem leisen Lächeln. Man kennt sich, man trifft sich, man mag sich. Wobei „Rough Cut“ (Rohschnitt) eine willkommene Gelegenheit ist, um sich alles andere als roh zu begrüßen.

Das ungleiche Paar wählt jedenfalls die warmherzige Variante. Der Herr aus dem Bergischen Land, der seiner Wiedersehensfreude unverblümt, aber doch auch im zurückhaltenden Flüsterton über etliche Stühle hinweg Ausdruck verleiht, und die Französin, die regelmäßig anreist, um dem Tanztheater Wuppertal die Ehre zu erweisen, unterhalten sich mit sanften Stimmen — auf Deutsch. Ob sie morgen wieder da sei? Die Dame nickt. Natürlich! An vier Abenden sorgt das Pina-Bausch-Ensemble für bewegende Momente im Opernhaus — wer ein echter Fan ist, bemüht sich ganz offensichtlich um mehr als eine Karte, um im stets ausverkauften Saal dabei zu sein.

Tanz als Ausdruck ungefilterter Emotionen, als Möglichkeit zarter Begegnungen, als Austausch markanter Gesten — auch auf der Bühne wird die Annäherung an fremde Kulturen einfühlsam zelebriert. Eindeutig sichtbar wird die Basis des Ganzen allerdings erst kurz vor Schluss — durch Projektionen, die den Alltag Asiens nach Barmen holen. Sie bauen eine beeindruckende Brücke zwischen Seoul und Wuppertal — und zwischen Natur und Kultur. Menschen auf Rolltreppen sind als geballte Zeichen der Zivilisation zu sehen — mitten auf einer weißen Gebirgswand, die Peter Pabst in seinem gigantischen Bühnenbild als ideale Projektionsfläche nutzt.

Dabei gilt „Rough Cut“, das 2005 in Südkorea entstanden ist und am Wochenende Wiederaufnahme in Wuppertal feierte, als eine der schwächeren Choreographien von Pina Bausch. Schuld ist das Spiel mit den Selbstzitaten, die man schlicht als Wiederholungen, andererseits aber auch als stringente Bekenntnisse zu Wuppertals einzigartigem Tanztheater-Stil sehen kann.

Es gibt in der Tat innovativere, durchgängig fesselndere Stücke des Ensembles. Und trotzdem: Die scheinbare Leichtigkeit, mit der Tänze voller Dynamik und clowneske Szenen voller Augenzwinkern verbunden werden, fasziniert immer wieder aufs Neue.

In diesem Fall sind vergleichsweise wenig Ensembleszenen, dafür viele virtuose Einzelaktionen und atem(be)raubende Hebefiguren zu entdecken. So wird „Rough Cut“ zur Nummernrevue mit ständig wechselnden Gefühlslagen. Zweieinhalb Stunden lang bewegen sich 18 Tänzer zwischen koketter Lebenslust und melancholischer Traurigkeit: Sie jagen sich, liebkosen sich, umarmen sich. Und sie spielen mit der eigenen Weiblich- oder Männlichkeit: Rainer Behr und Fernando Suels Mendoza „tanzen“ parallel — mit jeweils einer Holzbank. Sie klemmen sie unter den Arm, setzen sich auf sie und verharren in launigen Posen — bis sie, lässig schreitend, die Bänke am Ende von der Bühne tragen.

Dazwischen werden Tänzer zu menschlichen Fischen, indem sie Schnorchel zur Abendrobe tragen, oder zu verliebten Vierbeinern, die mit ihrem Herrchen und dem Hund von gegenüber flirten. Das gilt wohl für Mensch wie Tier: Man sieht sich, man vertraut sich, man begehrt sich.

Dabei ist die zweite Hälfte mitreißender als die erste. Sie erreicht ihren Höhepunkt in einem Finale, in dem einzelne Elemente in bester Pina-Bauch-Manier erneut aufgegriffen werden. Die große Welle an Energie, die so entsteht, löst ein begeistertes Pfeifkonzert, stehende Ovationen und lautstarken Schlussapplaus aus — auch bei Erstsehern, die trotz aller hörbaren Begeisterung irritiert bleiben, weil das Programmheft, ebenfalls in bewährter Pina-Bausch-Sitte, keinerlei Interpretationen liefert.

Apropos Pina Bausch: Die Tanztheater-Ikone (1940-2009) hätte diese Reaktion vermutlich nicht gewundert. Und: Was sich am Samstagabend während der Pause im deutsch-französischen Dialog abspielte, hätte vermutlich auch ihr ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Denn menschliche Begegnungen sind in „ihrem“ Tanztheater nach wie vor keine Neben-, sie sind die Hauptsache.