Premiere mit Pickeln und Psychosen

Premiere mit Pickeln und Psychosen

„Fleisch ist mein Gemüse“ wird im Kleinen Schauspielhaus serviert. Regisseurin Iwona Jera inszeniert mutig, aber zu lang.

Wuppertal. Wie schlägt man seine Zeit tot? Heinz (Daniel Breitfelder), der symbolisch am Boden liegt, macht es, als ob er ein Fliegenfänger ist: Er kriecht auf allen Vieren und lässt seine Hand ungebremst auf den harten Untergrund knallen - so könnte man nicht nur lästige Insekten zerquetschen (wenn sie denn tatsächlich da wären), so kann man auch seine Zeit totschlagen.

Es sind die kleinen Szenen - Momente wie diese -, die in Elberfeld eine große Wirkung haben. Denn was Regisseurin Iwona Jera im Kleinen Schauspielhaus auftischt, muss erst einmal verdaut werden: Mit "Fleisch ist mein Gemüse" servieren die Wuppertaler Bühnen ein Stück, das vermutlich nicht jedermanns Geschmack ist, aber - wie bei einem ausgedehnten Menü - einzelne Höhepunkte hat.

Dass die verschiedenen Häppchen nicht immer leicht bekömmlich sind, liegt an der Romanvorlage von Heinz Strunk. Dass sie nicht immer konsequent angerichtet werden, hängt mit der Präsentationsform zusammen. Mal spricht die Hauptfigur moderierend aus dem Off, mal wird auf Erklärungen und Innenansichten verzichtet und das Publikum mit seiner Phantasie alleine gelassen.

Jera gibt ihren Zuschauern reichlich Raum für Assoziationen - so viel, dass sich manch einer am Ende wünschen dürfte, es gäbe mehr erzählende Einschübe als anzügliche Andeutungen. Wer will, kann sie als Provokation sehen - oder als Zeichen der Vereinsamung und einer verzweifelten Sinnsuche.

Denn Heinz, der vereitelte Idealist, der am Keyboard Kunst machen will, aber mit Pickeln und Widerwillen mit einer Tanzband durch Festzelte tingeln muss, mag nicht nur Hackbällchen, er sehnt sich auch nach menschlichem Fleisch und gibt sich erotischen Gelüsten hin - meistens allein. Sex, die entsprechenden Körperteile und die dazugehörigen handfesten Gesten spielen im Leben des Hamburgers eine genauso wichtige Rolle wie die Musik.

Daniel Breitfelder spielt den Anti-Helden sehr körperlich, sehr facettenreich, sehr eindringlich. Idealer Gegenpart ist Maria Ammann: Als Klara wirkt sie so verletzlich wie eine Fliege, deren Flügel gebrochen wurden. Heinz’ zerbrechliche Mutter möchte frei sein wie ein Vogel - und ist, bei aller Zerbrechlichkeit, nicht (mehr) fähig zu einer menschlichen Beziehung. An Psychosen leidet auch ihre depressive Nachbarin Rosemarie (Franca-Lena Casabonne), die sich in ihrer Wohnung einigelt und den Kummer sichtbar am Körper trägt: Casabonne trägt einen Fettanzug, der deutlich zeigt, wie schwer seelischer Ballast wiegen kann.

Überhaupt unterstreichen Dorien Thomsens Kostüme sehr gut das Bild einer brüchigen Gesellschaft, die zwischen lähmender Lethargie und exzessiver Lebenslust hin- und hergerissen ist. Die Anzüge und Kleider, auf denen Nähte aufgemalt sind, spiegeln den Widerspruch zwischen Schein und Sein: Die Figuren suchen Konturen in ihrem unerfüllten Leben, finden am Ende aber doch keine feste Persönlichkeitsstruktur.

Sie jagen im atemberaubenden Tempo dem Sinn des Lebens hinterher - abrupt und kraftlos lassen sie sich aber auch immer wieder hängen. Auch Sandra Lindes Bühnenbild lässt keine heile Reihenhaus-Idylle aufkommen. Hinter angedeuteten Häusern bröckelt die Fassade.

Herrlich schräg spielt das Quartett um Heinz (musikalische Leitung: Christoph Titz). In der besten Szene wird mehrfach ein Medley variiert - besser kann man nicht vor Augen führen, in welchem Hamsterrad die Band musiziert. Chorische Szenen und Wiederholungen sind inzwischen ohnehin zum Markenzeichen des ambitionierten Theaters an der Kluse geworden. So schlägt das Publikum seine Zeit nicht tot - auch wenn die Inszenierung eindeutig zu lang ist.

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