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Premiere: Kleider machen Mut

Premiere: Kleider machen Mut

Zum dritten Mal haben die Bühnen ein integratives Projekt gestartet.

Wuppertal. Ein Hochstapler erobert das Kleine Schauspielhaus - und Markus Höller empfängt ihn mit offenen Armen. Dabei freut sich der Theaterpädagoge der Wuppertaler Bühnen nicht nur über die Existenz eines Schneidergesellen, der nach dem Motto "Kleider machen Leute" für einen Grafen gehalten wird. Er ist stolz auf alle, die am 16.Juni Premiere feiern: 16 Jugendliche und Erwachsene machen im "Verein für Menschen mit Behinderung (Mit-Menschen)" regelmäßig Theater.

Zum dritten Mal hat Höller mit ihnen ein Stück einstudiert. "Kleider machen Leute" heißt die Novelle von Gottfried Keller, die das integrative Projekt auf die Bühne bringt. Und das mit einer klaren Devise: "Der Weg ist das Ziel", sagt Höller. "Wir hetzen nicht durch das Stück, sondern haben uns viel Zeit gelassen, um es zu lesen, den Text zu verstehen und zu improvisieren."

Denn genau darin liegt die Stärke der Mitspieler: "Alle sind sehr kreativ", betont Susanne Kaschke ("Mit-Menschen"), die den Freizeitbereich des Vereins leitet, im Hintergrund die Fäden zieht, Schwimmkurse organisiert oder Sportgruppen zusammenführt und nun, beim Theaterprojekt, selbst im Rampenlicht steht.

Auch Höller weiß die Energie der 15- bis 55-Jährigen zu schätzen: "Sie haben eine ungeheure Spielfreude, denken mit, proben und forschen zu Hause weiter. So viel Elan und Disziplin hat man selten." So ist es denn auch weit mehr als ein bloßes Lippenbekenntnis, wenn der Pädagoge von seinen Schützlingen schwärmt: "Wir improvisieren viel, alle bringen eigene Erfahrungen ein. Die Schauspieler sind alles andere als eine Staffage, die man nur hin- und herschiebt. Sie können zeigen, wie einzigartig sie sind."

Deshalb ist das Spiel mit den Kleidern und Vorurteilen auch nicht die erste Zusammenarbeit mit dem Verein "Mit-Menschen". Nach zwei Shakespeare-Stücken - "Romeo und Julia" und "Ein Sommernachtstraum" - ist die Novellen-Adaption bereits die dritte Kooperation, die bestens vorbereitet ist: Seit November probt die Gruppe für ihren großen Auftritt im Kleinen Schauspielhaus. "Man wird mutiger", hat der Regisseur beim dritten Projekt dieser Art festgestellt. "Deshalb gibt es diesmal viel Chorisches." Und das Bühnenbild? Da gilt das Prinzip: Aus wenig kann man viel machen. So werden aus alten Mülleimern, die Höller farblich "versilbern" ließ, überdimensionale Fingerhüte. Auch Nadeln im Ein-Meter-Format und extreme Kleiderlängen warten bereits auf ihr Publikum.

Neben dem schönen Schein geht es natürlich auch um den realen Inhalt. Denn das Stück wirft Fragen auf, die das Ensemble aus dem Alltag kennt: "Wie werde ich von anderen gesehen, wie möchte ich gesehen werden?" Mit Blick auf die Hauptfigur, den Gesellen, der unfreiwillig zum Hochstapler wird, arm ist, sich trotzdem gut kleidet und deshalb für einen Adligen gehalten wird, heißt das: "Welche Kämpfe tragen das gute und das schlechte Gewissen aus, wenn man nicht vorurteilsfrei gesehen wird?"

Eigentlich könnte man den Titel auch umwandeln: Kleider machen Mut, Selbstbewusstsein und gute Laune. Denn bei aller Theatralik und hehren Integrationsabsichten geht es auch heiter zu, wie Höller verspricht. "Das Wichtigste ist, dass die Schauspieler Spaß haben", bilanziert der Regisseur. "Das Tolle ist, dass man ihnen den Spaß auf der Bühne ansieht."