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Premiere: Im Nachtclub gibt es tiefe Einblicke

Premiere: Im Nachtclub gibt es tiefe Einblicke

Die Wuppertaler Bühnen lassen die 20er Jahre aufleben. „Cabaret“ dürfte ein Hit werden.

Wuppertal. Das Musical kommt schnell in Fahrt: Kaum nähert sich Clifford Bradshaw (Olaf Haye) im Zug dem Berliner Sündenpfuhl, ist er auch schon mittendrin: in einem neuen Leben, in zwielichtigen Schmuggelgeschäften, in einer ungewissen Zukunft.

Zügig stellt der US-Amerikaner fest, dass er zwischen den Stühlen sitzt: In dem rasanten Tempo, in dem sich der Schriftsteller in Nachtclubsängerin Sally (Judith Jakob) verliebt, durchschaut er auch die Nationalsozialisten. Doch "Cabaret"-Kenner wissen es längst: Zum Schluss bleibt Clifford nur die Endstation Sehnsucht. Auch andere trifft es hart: Sie werden aus der Bahn geworfen oder landen auf dem Abstellgleis.

Gewinner gibt es trotzdem: Sänger, Schauspieler, Sinfoniker, Choristen und Tänzer der Wuppertaler Bühnen lassen die 20er Jahre aufleben, sangen, spielten und tanzten sich am Samstagabend Zug um Zug in die Herzen des Premierenpublikums. Werner Pichlers Inszenierung ist eine gelungene, wenn auch konventionelle Symbiose: Als Regisseur wandelt er erfolgreich auf dem schmalen Grat zwischen amüsanter Unterhaltung und ernsthafter Eindringlichkeit.

Normalerweise erfordert das Kultmusical von Joe Masterhoff, Fred Ebb und John Kander schnelle Szenenwechsel mit großen Umbauten. In Wuppertal wird auf Stellwände gesetzt, um einzelne Räume zu markieren. So kann sich die tragische Liebesgeschichte ohne lange Verzögerungen entwickeln. Da macht das Zuschauen Sinn und Spaß, zumal sich die Wuppertaler Bühnen für Chris Walkers reduzierte Orchesterfassung entschieden haben, auf geballte rührselige Streicherklänge verzichten und lieber jazzige Elemente betonen.

Der Abgesang auf die (be)rauschenden 20er ist eine mitreißende Mischung aus lasziven Gesten und leisen Zwischentönen. Dabei lassen nicht nur die knappen Kostüme tief blicken. "Maybe this time" oder "Money makes the world go around" sind Ohrwürmer, die mit starken Stimmen präsentiert werden. Nur Schauspielerin Juliane Pempelfort fühlt sich in den Sprechszenen - als herrlich kesses Liebesmädchen - offensichtlich wohler als auf dem Gesangsparkett. Trotzdem: Unter Pichlers Regie und Florian Franneks musikalischer Leitung wird aus den Schauspiel- und Opernensembles schnell ein eingespieltes Team.

"Life is a Cabaret!” Zu diesem Schluss kamen schon Stars wie Liza Minnelli und Ute Lemper. Nun muss sich Judith Jakob an berühmten Vorbildern messen lassen. Die Musical-Expertin trumpft als selbstbewusst-verruchte Sally auf: Mit wasserstoffblonder Perücke gibt sie im Kit-Kat-Club alles, tiefste Verzweiflung in den intimen Zweierszenen lässt sie hingegen vermissen. Olaf Haye steht ihr als Clifford zur Seite und gibt den erst naiven, zunehmend politischen Gentleman, in dem man mehr den welterfahrenen Ehrenmann erkennt als den jungen Träumer und erfolglosen Schriftsteller. Doch zusammen sind sie ein wahrhaft schönes Paar.

Die eigentlichen Stars sind allerdings andere: Anrührend mimen Ingeborg Wolff und Andreas Ramstein ein älteres Fast-Ehepaar. Die Zimmerwirtin und der jüdische Obsthändler scheitern an den politischen Umständen und kehren vorsichtig ihr Innerstes nach außen. Auch Christian Sturm ist sehr präsent: Der Tenor spielt den launigen Conférencier, dem man gern zuhört, der aber diabolischer und doppeldeutiger sein könnte.

Für die Chorsänger gilt: Der Zug ist noch lange nicht abgefahren. Wenn sie beim Tanzen mutiger und sicherer werden, kann die Neuauflage von "Cabaret" zusätzlich an Fahrt gewinnen. Ein Hit wird sie garantiert.