Premiere: Die Physiker und eine unbezähmbare Wahnsinnige

Premiere: Die Physiker und eine unbezähmbare Wahnsinnige

Wuppertal. Regisseur Jens Kalkhorst setzt im Taltontheater auf Dürrenmatt. Die WZ traf ihn zum Interview.

Herr Kalkhorst, Dürrenmatts Komödie „Die Physiker“ ist ein oft gespieltes Stück. Weshalb sollte man die Taltontheater-Version sehen, die am 27. April Premiere hat?

Jens Kalkhorst: Seit der Gründung des Taltontheaters haben wir immer auch die Auseinandersetzung mit den Klassikern der Theaterliteratur gesucht. Friedrich Dürrenmatt liefert einen wunderbaren Text, der gekonnt zwischen grotesker Handlung und philosophischem Gedankengut hin- und herpendelt. Diese Spannweite soll auch in der Inszenierung zu finden sein. Was als Kriminalstück beginnt, wandelt sich über eine Liebeskomödie zum düsteren Ideendrama. Es soll ein spannender Abend werden, der der Vielschichtigkeit der Vorlage gerecht wird.

Die groteske Komödie entstand vor dem Hintergrund des Kalten Kriegs. Aber auch heute ist das zentrale Thema — die Verantwortung der Wissenschaftler — aktuell. Wie politisch wird Ihre Inszenierung werden?

Kalkhorst: Dass Dürrenmatts Text auch heute noch aktuell ist, sieht man daran, dass er letztendlich nicht die Supermächte über die Physiker gewinnen lässt, sondern dass der einzige „Sieger“ im Stück eine größenwahnsinnige Irrenärztin ist, die mit der Wirtschaft gemeinsame Sache macht. Der Turbo-Kapitalismus als unbezähmbare Wahnsinnige — das ist ein schönes Theaterbild. Doch da Dürrenmatts politische Aussage dem Text zugrunde liegt, ist dies für mich kein Anlass, diese noch zusätzlich hervorzuheben. Zum einen, weil ich den moralischen Regie-Zeigefinger nicht mag. Und zum anderen glaube ich, dass die Botschaft jedem Zuschauer auch ohne inszenatorische Hilfsmittel recht deutlich bewusst wird.

Gibt es aus Ihrer Sicht eine Schlüssel-Szene?

Kalkhorst: Die Kernszene des Stücks ist die große Szene der drei Physiker, in der sie die Verantwortung des einzelnen Forschers gegenüber der Menschheit thematisieren. Sie ist ein wunderbares Beispiel für die Fähigkeiten des Dramatikers Dürrematt, denn er schafft es mustergültig, die theoretischen Überlegungen in eine packende Auseinandersetzung der drei Hauptfiguren zu verwandeln, bei der gekonnt das Pro und Contra der Problematik verarbeitet wird. Doch das Stück bietet weitere Höhepunkte — wie zum Beispiel eine gekonnte Parodie auf Hollywood-Romanzen oder eine Satire auf die Heile-Welt-Familie. Es gibt also Einiges zu entdecken.

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