Präzise wie ein Uhrwerk: Nikolai Tokarev am Piano

Präzise wie ein Uhrwerk: Nikolai Tokarev am Piano

Nikolai Tokarev begleitete das Philharmonia Orchestra London.

Wuppertal. Vor etlichen Jahren weihte Bernd Glemser den Stadthallen-Flügel mit eben diesem Konzert ein: Tschaikowskys 1. Klavierkonzert erklang nun in der Reihe "Johannisberg International" mit dem Pianisten Nikolai Tokarev und dem Philharmonia Orchestra London unter der Leitung von Tugan Sokhiev.

Tokarev ist in Wuppertal kein Unbekannter, er gastierte in diesem Jahr bereits beim Bayer-Klavierzyklus. Die hohen Erwartungen, die man an ihn knüpfte, erfüllte der Pianist mit Bravour.

Brillanz, Eleganz, Temperament und Innigkeit legt der schmächtige junge Mann mit dem stets zu hoch eingestellten Klavierhocker an den Tag. Trotz seiner gekrümmten und auf Dauer sicherlich nicht gesunden Haltung kann er die kraftvolle, fröhliche oder zur Versenkung verführende und an slawischem Kolorit nicht sparende Musik bestens vermitteln.

Mechanisch und präzise wie ein Uhrwerk perlen die wuchtigen Skalen, versunken zaubert er funkelnde Arabesken oder legt Gesangliches in weichem Legato an. Dieses Spiel sucht seinesgleichen. Das Orchester ist ihm ein mitatmender Partner. Dirigent Sokhiev gewichtet gut - mit einem Hang zur satten Klangfarbe auch in Piano-Passagen.

Das kommt der 2. Sinfonie in e-Moll von Serge Rachmaninoff entgegen. Sie ist Hochleistungssport für die Musiker und ein Kraftakt für den Dirigenten.

Und sie stürzt den Zuhörer in Wechselbäder der Gefühle: Weltuntergang und Paradies liegen ganz dicht beieinander. Düster und schwer kolorieren dunkle Streicherfarben, selbst das Scherzo im 2. Satz ist von verbissener Lustigkeit. Schwelgende Celli-Kantilenen, intensive Solo-Rollen der Holzbläser und die weit schwingenden melodischen Bögen oder auffahrenden Streicher-Winde kennzeichnen die Stimmungsfarben.

Unbändig trumpft die Musik im Finale auf, verquere Harmonik und plakative Rhythmik kennzeichnen die kraftvollen Themenkontraste. Dirigent Sokhiev dirigiert mit oder ohne Stab, je nachdem, ob er die Musik mit beiden Händen "modelliert" oder sie präzise analysiert. In allen Fällen überzeugt das Orchester mit mitreißendem und leidenschaftlichem Spiel. Das Publikum honoriert mit Bravo-Rufen das herausragende Konzert, das noch lange nachwirken dürfte.

Mehr von Westdeutsche Zeitung