Pinas "Vollmond" ist filmreif

Pinas "Vollmond" ist filmreif

Wim Wenders dreht noch bis Montag beim Tanztheater im Opernhaus.

Wuppertal. Vier Sekunden, fünf Sekunden, acht Sekunden. Wie lange braucht man(n), um einen BH zu öffnen? Kurz gesagt: Das Wuppertaler Tanztheater macht aus dieser Frage mal wieder einen herrlich kecken Wettbewerb.

Und das sieht so so aus: Tänzer müssen bei Frauen ihren Mann stehen, indem sie den Büstenhalter öffnen. Flinke Finger hat aber nicht jeder, und so lernen die Herren im Opernhaus eines: Frauen können zwar verführerisch lächeln, manchmal aber auch äußerst ungnädig sein. Dann heißt es nämlich: Wer zu langsam ist, muss sich ganz schnell entfernen.

Das gilt zu einer speziellen Zeit ganz besonders - bei "Vollmond". Zwölf Tänzer präsentieren das Pina-Bausch-Stück bis zum kommenden Montag im Opernhaus. Drei Jahre nach der Uraufführung könnte das Routine sein, ist es aber nicht: Die Gründerin des Tanztheaters ist tot, die Erinnerung sehr lebendig.

Dass Pina Bausch diesmal nicht dabei ist, merkt man den einzelnen Szenen zwar nicht an, man spürt es aber beim Schlussapplaus. Das Ensemble wird mit stehenden Ovationen gefeiert. Doch wer ganz genau hinschaut, kann womöglich erkennen, dass so manchem Tänzer Tränen in die Augen steigen.

Auch das Publikum ist gerührt. Vor allem aber ist es neugierig. Denn statt Pina Bausch ist diesmal ein anderer dabei, auf den alle zu warten scheinen. Wo ist Wim Wenders? Hinter den Kulissen, mitten im Saal oder irgendwo am Rande?

Der Regisseur, der an einem 3D-Film über das Tanztheater arbeitet, macht es allen Neugierigen leicht. Kurz bevor die "Vollmond"-typische Wasserschlacht auf der Bühne beginnt, stellt er sich wie ein Ansager ins Rampenlicht, faltet die Hände und kommentiert die aufwändige Drehtechnik so, dass es bei allem Selbstvertrauen fast schon wie eine Entschuldigung klingt: "Verzeihen Sie uns, dass wir mit einem so schweren Gerüst mitten unter Ihnen sind."

Gemeint sind die technische Ausrüstung und die Kamera-Augen, die im Saal verteilt sind. "Wir drehen den Film, den wir mit Pina machen wollten. Jetzt müssen wir den Film schweren Herzens ohne sie machen", sagt Wenders und erklärt damit, was ohnehin jeder weiß - Aushänge weisen auf die Dreharbeiten hin. Andächtiges Schweigen herrschte am Donnerstag, als Wenders die Bühne verließ - bis ein ungewohntes Geräusch die Stille unterbrach. Denn wenn die obligatorische Klappe fällt, wird schlagartig klar, dass die Vorstellungen in Barmen derzeit filmreif sind.

Spätestens nach ein paar Szenen hat man allerdings vergessen, dass vermutlich auch das Publikum unter (Kamera-)Beobachtung steht. So wird der Wettlauf gegen die Zeit nicht nur am BH-Verschluss ausgetragen. Auch für Wim Wenders tickt die Uhr: Er dreht noch bis Montagabend im Opernhaus.

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