1. NRW
  2. Wuppertal
  3. Kultur

Interview: Pinas Grab ist „der schönste Ort für mich“

Interview : Pinas Grab ist „der schönste Ort für mich“

Interview Die australische Künstlerin Melissa Madden Gray kommt nach Wuppertal. Im März steht sie wieder in Pina Bauschs „Die sieben Todsünden“ in der Oper auf der Bühne.

Sie könne einfach alles, sei in Klassik und Improvisation zu Hause und enorm experimentierfreudig hat Wolfgang Schmidtke 2014 von ihr geschwärmt. Damals ging es um das musikalische Rahmenprogramm zum 40-jährigen Bestehen des Tanztheaters Pina Bausch. Der Musiker Schmidtke hatte die australische Künstlerin Melissa Madden Gray für das musikalische Rahmenprogramm gewinnen können. Die australische Künstlerin verbindet viel mit Pina Bausch. In „Die sieben Todsünden“ stand sie 2007 erstmals für die große Choreographin auf der Bühne. Im März kommt sie wieder – dieses Mal übernimmt sie die Rolle, die einst Mechthild Großmann kreierte, in „Fürchtet euch nicht“.

WZ: Wie haben Sie zu Pina Bausch gefunden?

Melissa Madden Gray: Als ich ein Teenager war, habe ich für ihre Bilder mit den wunderbaren, leidenschaftlichen, auch grotesken Frauen geschwärmt. Die machten großen Eindruck auf mich. Als ich etwa 20 Jahre alt war, nahm ich an einem internationalen Theatertreffen in München teil, sah auf einer Bühne die Stühle aus ihrem Stück „Café Müller“ stehen. Ich fing an zu weinen und war total verliebt.

Wie haben Sie sie kennengelernt?

Melissa Madden Gray: Ich habe einige Stücke mit Robyn Orlin erarbeitet, deren Compagniemanager mit Marc Wagenbach (damals Assistent von Pina Bausch, Red.) bekannt war. So kam ich 2007 nach Wuppertal. Wagenbach lud mich auf ein Glas Wein ein, damit ich Jo Ann Endicott (ehemalige Tänzerin beim Tanztheater Wuppertal und eine der Probenleiterinnen für „Die sieben Todsünden“, Red.) kennenlernte, die ebenfalls Australierin ist. Zwei, drei Monate später rief sie mich an, weil es bei der Besetzung von „Die sieben Todsünden“ ein Problem gab, jemand gesucht wurde, der Brechtlieder singen kann. Sie sagte, sie habe im Gefühl, dass ich Pina überzeugen könnte. Ich schickte also Aufnahmen von mir, Pina sah sie – und holte mich. Als ich dann zum Ensemble kam, habe ich mich sofort mit den Tänzern verstanden, das sind ganz besondere Wesen, ich war endlich zu Hause, das ist mir immer noch sehr präsent, obwohl es einige Tage her ist.

Blieben Sie in Kontakt?

Melissa Madden Gray: Ja – die Tänzer haben später meine Shows besucht. Es ist soviel passiert. Dass Pina weg ist, ist eine Katastrophe. Das erschüttert mich immer noch. Damals bei „Die sieben Todsünden“ hatten wir nur zwei bis drei Proben. Das Ensemble und ich fanden sofort zueinander, da ist eine Verbindung, die größer ist als Worte.

Sie sind bekannte Brecht- und Weill-Interpretin.

Melissa Madden Gray: Die beiden sind auch ohne Pina die Größten. Die Musik der 20er und 30er Jahre fasziniert mich. Diese Verbindung aus Tangoleidenschaft und Politik in ihrer Arbeit. Wenn ich im März in „Fürchtet euch nicht“ singen werde, ist das eine große Freude und zugleich schwierig ohne Pina. Ich liebe die Texte von Brecht und vermisse die Zärtlichkeit von Pina. Das Stück kann sehr dunkel sein. Zugleich fühle ich mich als Teil von etwas Größerem, fühle mich geborgen.

Wann beginnen die Proben?

Melissa Madden Gray: Ende Februar. Ich habe vorher noch ein Konzert in Australien, wo der Rauch im Himmel und in der Großstadt ein Gefühl von Krise vermitteln.

Was kennen Sie von Wuppertal?

Melissa Madden Gray: Die Schwebebahn natürlich. Aber wenn ich in der Stadt bin, bin ich im Tanztheater, in der Welt des Stücks. Ich habe das Grab von Pina aufgesucht, als ich zum 40-jährigen Bestehen der Compagnie da war. Ich wusste nicht, wie wichtig das für mich sein würde. Damals erkannte ich: Das ist der schönste Ort für mich, hier tanzt sie.

Sie sind künstlerisch sehr vielfältig. Was können Sie mehr, was weniger?

Melissa Madden Gray: Ich bin eine Schauspielerin, die singen und tanzen kann. Ähnlich der Art des Sehens von Pina, die mit vielem spielt.

Man bezeichnet Ihre Kunst als Kamikaze Kabarett. Was bedeutet das?

Melissa Madden Gray: Ich mache wildes Kabarett der 20er, 30er Jahren, in französischer, deutscher und englischer Sprache. In meinen Konzerten gibt es Crowdsurfing und Stagediving. Es geht hochtragisch zu. Ich mache feministisches Musiktheater mit meinem eigenen Stil, der Spaß macht und in keine Schublade passt. Es geht sehr emotional zu – wie bei Pina.

Wie war das, als man Sie jetzt für das Stück anfragte?

Melissa Madden Gray: Das war nicht überraschend, weil ich es ja schon gemacht habe und Brecht interpretiere. Ich bin glücklich, dass ich wieder die Chance erhalte mitzumachen.