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Opernpremiere: Versuch einer Verbindung ging daneben

Opernpremiere: Versuch einer Verbindung ging daneben

Die Produktion aus „Surrogate Cities“ und „Götterdämmerung“ wird keinem der beiden Stücke gerecht.

Wuppertal. Die erste Opernproduktion dieser Spielzeit ist ein technischer Kraftakt. Wohl alle dem Opernhaus zur Verfügung stehenden Mittel müssen eingesetzt werden, um das Musiktheater „Surrogate Cities / Götterdämmerung“ auf die Bühne zu heben.

Zig Mikrofone braucht das Sinfonieorchester — nicht für eine CD-Produktion. Vielmehr muss der zweigeteilte Klangkörper — die Streicher und beide Harfen vorn, der Rest weit hinten auf der Bühne — abgemischt und verstärkt werden, damit er im Auditorium überhaupt anständig klingt. Moderne Lichteffekte werden eingesetzt. Die bewegten Bilder eine Live-Kamera werden neben und über die Bühne projiziert.

Ohne am Kopf angebrachte drahtlose Mikrofone kommt fast kein Sänger aus. Die Techniker in den Kabinen meistern ihre Aufgabe erstklassig. Aber: Muss das alles sein? Richard Wagner hat seine Musik bewusst in den Orchestergraben gelegt. Das ist bestimmt auch in Wuppertal möglich. Die komplette Aufführung seines „Der Ring des Nibelungen“ vor über 30 Jahren unter Hanns-Martin Schneidt, von Peter Gülke übernommen, spricht für sich. So würde auch jetzt der Schlussakt aus Wagners „Götterdämmerung“ sicher ohne Hilfe eines Mischpults gut klingen. Das käme auch den Sängern zugute.

Sehenswert ist die Produktion des Trios Jay Scheib (Inszenierung), Katrin Wittig (Bühnenbild) und Doey Lüthi (Kostüme) allemal. Vorwiegend in Weiß ist der Ort des Geschehens gehalten. Die Orchesterdamen in weißen Kleidern, die Herren in weißen Jacketts tragen dem Rechnung. Zwischen den Orchesterhälften gibt es ein kleines Apartment mit Küche, Bett und Bad. Dort agieren die Darsteller. Alles nett — so weit, so gut.

Zu maschinenmäßigen, teils rhythmisch-pulsierenden, We-senheiten von Großstädten symbolisierenden Teilen aus dem Orchesterzyklus „Surrogate Cities“ wird anfangs szenisch der Zeitgeist bedient. Ein verstrahlte Lucia Lucas zieht sich nackt aus und wäscht sich unter der Dusche rein. Oder wie in Trance — als hätte sie etwas zu sich genommen — rekelt sich eine holde Maid durch die Kulisse. Geschmacklos wird alles mittels einer Live-Kamera in Nahansicht stark vergrößert auf Paneele gebeamt.

Bei Wagners letztem Aufzug der Götterdämmerung geht es ab in die Zukunft, wenn Siegfried gleich eines Cyborgs mit einem Roboterarm daherkommt. Eine der drei Rheintöchter zieht drei Koks-Lines auf einmal.

Unverhofft geht es danach zu Goebbels Musik weit zurück in die Antike, als die großartige Soulsängerin Elisabeth King Heiner Müllers Text über den Bürgerkrieg zwischen den Städten Rom und Alba Longa perfekt vorträgt.

Abgesehen von Lucia Lucas als Hagen sind keine adäquaten Wagnerstimmen vernehmbar, obwohl sämtliche Sänger über ausgewogene Stimmen verfügen. Auf Johannes Pells akkurate Stabführung können sich alle jederzeit verlassen.

In der gedruckten Saisonbroschüre der Oper heißt es: „Musiktheater von Heiner Goebbels und Richard Wagner“. Auf der Homepage steht stattdessen richtig: „Musiktheater mit Musik von Heiner Goebbels und Richard Wagner“. Denn keinem der beiden Komponisten wird man mit dieser Inszenierung hundertprozentig gerecht. Man hat etwas Eigenes daraus gemacht.

Doch der Versuch einer Kombination von disparaten Musikintentionen geht gewaltig daneben. Jubelrufe für die Gesangsprotagonisten und das Orchester, ein neutrales Verhalten bei Erscheinen des Regieteams sind die Reaktionen des Premierenpublikums, das anschließend über das soeben Erlebte ausgiebig diskutiert.