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Premiere: Nur Beckmann bleibt draußen vor der Tür

Premiere : Nur Beckmann bleibt draußen vor der Tür

Erste Produktion des inklusiven Schauspielstudios zu Nachkriegsstück von Wolfgang Borchert wird gefeiert.

Am Ende geht, nein stampft der junge Mann wieder wie am Anfang im Kreis. Mit Nachdruck setzt der Soldat seine Stiefel, einen Schritt vor den anderen, auf, ein Gefangener im unsichtbaren Käfig seiner inneren Not. Der Kreis schließt sich, Beckmann bleibt einsam, die Hoffnung des Rückkehrers auf Wiederaufnahme in die Gesellschaft ist gestorben. Das Schauspiel Wuppertal zeigt „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert. Die erste Produktion des inklusiven Schauspielstudios überzeugte mit einem soliden, geschlossen agierenden Ensemble und einer faszinierenden Inszenierung. Die Zuschauer im Theater am Engelsgarten feierten die Premiere.

Wolfgang Borchert wurde nur 26 Jahre alt, er ist trotzdem einer der wichtigsten und bekanntesten Autoren der Nachkriegs- oder sogenannten Trümmerliteratur. Sein expressionistisches Heimkehrer-Drama „Draußen vor der Tür“ schrieb der Schriftsteller, der 1941 in den Kriegsdienst einberufen worden war, im Januar 1947 binnen acht Tagen. Es wurde zuerst als Hörspiel im Nordwestdeutschen Rundfunk ausgestrahlt und machte ihn über Nacht bekannt. Die Bühnenuraufführung im November des Jahres erlebte der Schwerkranke nicht mehr. Borchert gab mit seinem Antikriegsstück der Generation der Heimkehrer eine Stimme. Mit sparsamen, einprägsamen Wort-Bildern, die er zu kurzen Sätzen zusammenfügte – ein bedrohliches, aber auch verzweifeltes Staccato.

Diese zeitlos anklagende Stimme des Außenseiters, für den die Tür der Gesellschaft verschlossen ist, könnte heute die des Soldaten sein, der aus dem Afghanistankrieg zurückkehrt, oder die von Menschen, die aus Syrien fliehen, oder von körperlich oder psychisch Gehandicapten. Idealer Stoff für das inklusive Schauspielstudio, das seit Oktober in Kooperation mit der Glanzstoff-Akademie der inklusiven Künste und in Zusammenarbeit mit der Schauspielschule „Der Keller“ arbeitet.

Letzte Begegnungen als Abfolge grotesker Alpträume

Drei Teilnehmerinnen erhalten im Studio Schauspielunterricht und haben ihre Rollen einstudiert, die sie so überzeugend ausfüllen, dass sie sich nur durch einen Rollstuhl oder einzelne Bewegungen von den nicht beeinträchtigten Kollegen unterscheiden. Der Zuschauer hört und sieht und denkt nicht darüber nach, wer welchen Hintergrund hat.

Die Bühne ist leer, ein dunkler Raum, die Personen werden meist durch kalt-nebliges Scheinwerferlicht gespenstisch angestrahlt. Bardia Rousta, Leiter der Glanzstoff Akademie der inklusiven Künste, inszeniert die letzten Begegnungen des Kriegsheimkehrers Beckmann (Kevin Wilke), der sich lebensmüde in der Elbe ertränken will, als Abfolge grotesker Alpträume. Gott (Flora Li), schaut ihm zu, beklagt den Verlust des Glaubens in der Welt und der vielen Menschen, während sich der Tod (Nora Krohm) auf Zuwachs freut. Beckmann begegnet einem Mädchen (Hannah Holthaus), das mit ihm lebendig sein will, aber einen kriegsversehrten Mann (Louis Dross) hat, einer Frau (Aline Blum), die im Haus seiner als Nazis schuldig gewordenen Eltern lebt, einem Oberst (Nora Krohm), der ihm im Krieg die Verantwortung für einen Aufklärungstrupp übertrug, bei dem elf Soldaten umkamen, einem Kabarettdirektor (Yulia Yánez Schmidt), der ihm die Chance verwehrt, Schauspieler zu werden.

Silke Rekort kleidet nur Beckmann und sein Alter Ego, den Anderen (Jack Rehfuß), „normal“ ein. Mit Gasmaskenbrillen, langen Soldatenmänteln, Camouflagehosen und Stiefeln sind sie unschwer als Soldaten zu erkennen. Alle anderen tauchen als gespenstisch-groteske Personen auf, die in fantastischen Kostümen stecken, die Gesichter weiß geschminkt mit schwarz umrandeten Augen, eine Mischung aus Clown und Totenkopf. Untote, die Beckmann verhöhnen, abweisen, bedrängen. Ein Beerdigungsunternehmer, dessen Gewerbe dank des Weltkrieges floriert, ist rundum mit Puppen behängt. Die Elbe, die den Selbstmörder verschmäht, trägt eine Schleppe aus grau-blauen Luftballons. Die Uniform des Oberst besteht aus Epauletten und bunten Bommeln auf dem weißen Lätzchen über’m T-Shirt. Alpträume, die für Beckmann zwar enden. Doch mit dem Erwachen naht nicht der Ausweg aus seinem persönlichen Teufelskreis. Er tritt auf der Stelle, findet nicht ins Leben zurück.

Die Inszenierung aber steht für das Gegenteil: Inklusion gelungen, hier bleibt keiner draußen vor der Tür.