Nicola Hammer, Gerald Hacke - und ihre beiden Geliebten

Nicola Hammer, Gerald Hacke - und ihre beiden Geliebten

Die Musiker haben sich im Sinfonieorchester kennengelernt. Ihre „Geliebten“ sind ihre Instrumente.

Wuppertal. „Der ist aber höflich und altmodisch!“ Das war Nicola Hammers erster Gedanke, als sie Gerald Hacke erspähte. Der Mann mit der Klarinette fiel der Fagottistin sofort auf. 15 Jahre ist das jetzt her. „Gerald hat vor seinem ersten Probespiel jedem Orchestermitglied die Hand gegeben“, erinnert sich die 42-Jährige. „Das hat mir imponiert.“

Das „handfeste“ Erlebnis — die erste Begegnung — hat Eindruck hinterlassen und deshalb auch Folgen gehabt: Längst weiß die Musikerin, dass ihr an dem Kollegen, der ihr Ehemann werden sollte, noch viel mehr gefällt als seine Höflichkeit.

Bis die beiden ein Paar werden sollten, dauerte es allerdings: Hammer, 1996 selbst gerade erst seit ein paar Wochen frisch dabei, musterte den „Neuen“ im Wuppertaler Sinfonieorchester ganz genau — und seufzte leise, weil er bereits „vergeben“ war. Jahre später ist er wieder „zu haben“ — und Hammer immer noch von seiner Höflichkeit begeistert. Nach zahlreichen gemeinsamen Einsätzen im Namen von Händel und Haydn und etlichen Essen im Kollegenkreis steht fest: Der Klarinettist ist frei für eine neue Liebe. Deshalb kennt Hammer inzwischen auch die ganze Klaviatur der Gefühle. „Manchmal sitze ich im Orchestergraben und denke: Was auf der Bühne passiert, spielt sich eigentlich auch im ,normalen’ Leben ab.“

Willkommen in der Realität also: Im Sinfonieorchester sitzen Hammer und Hacke — je nach Besetzung — direkt nebeninander, zumindest jedoch in einer Reihe. Privat teilen sie sich seit zehn Jahren ein gemeinsames Sofa: Das Duo lebt in einer Dachwohnung in Elberfeld und schwärmt in den höchsten Tönen von einer Beziehung, die (nicht nur) auf der Liebe zur Musik basiert. Wobei Brahms, Beethoven und Bach trotz allem die „erste Geige“ spielen. Und so beantworten die beiden die Gretchen-Frage („Basiert die Liebe auf dem Gleichtakt der Gefühle oder auf Gegensätzen, die sich anziehen?“) auch zunächst mit einem Blick auf das Dienstliche: „Zusammen haben wir ein Bass- und ein Melodie-Instrument“, erklärt Hacke. „Das ist sehr praktisch.“

Und privat — wie ist es da? „Wir ergänzen uns in Übereinstimmung“, sagt Hacke. „Wir haben an den gleichen Dingen Spaß.“ Und so verbindet die Sinfoniker auch mehr als nur die Liebe zur Musik: Beide tauchen gerne in Museen ab, mögen zeitgenössische Kunst, zücken mit Vorliebe die Fotokamera. Dreh- und Angelpunkt des gemeinsamen Lebens ist und bleibt jedoch das Sinfonieorchester. Ist es kein Problem, dass sie stets im selben Orchestergraben sitzen? Beide schütteln den Kopf — in ergänzender Übereinstimmung. „Wenn man Musiker ist, ist man auch mit seinem Instrument verheiratet. Da bringt man einen Geliebten schon in die Beziehung mit.“

Dass beide ein inniges Verhältnis zum geliebten Instrument pflegen, sei ein klarer Vorteil. „Jeder versteht, wenn der andere proben muss, und fühlt sich nicht zurückgesetzt.“ Einziger Nachteil: Dass sich zwei Berufsmusiker gefunden haben, ist nicht zuletzt für die Verwandtschaft äußerst praktisch. „Wir werden immer gefragt, ob wir bei Familienfeiern spielen“, verrät Hammer und seufzt, diesmal mit lauter Wehmut. „Dabei würden wir auch gerne mal einfach nur feiern . . .“

Wer nun glaubt, dass zwei Künstler automatisch denselben Musikgeschmack haben müssen, wird im Hause Hammer/Hacke eines Besseren belehrt. „Da sind wir eher konträr und können viel voneinander lernen.“ Überhaupt gilt: „Wir inspirieren uns sehr“, sagt Hammer. „Mir fallen die besten Ideen immer zusammen mit Gerald ein. Das war von Anfang an so.“ Und führte deshalb auch schnell zu der Erkenntnis, dass Telefonate drei Stunden dauern können, wenn man sich bestens versteht. Dabei setzt Hacke meist auf die ruhigere Tonart. „Ich habe gerne auch mal meine Ruhe, Nicola hingegen würde eher auch mal alleine in eine Kneipe gehen.“

Beruflich gesehen übernimmt Hacke den romantischen Part. Kein Wunder: „Die Klarinette ist ein romantisches Instrument“, betont der 43-Jährige. Seine Frau hingegen hat ihre eigenen Vorlieben: „Mein Herz geht bei Mozart und Barock auf. Mozart-Opern sind das Höchste der Gefühle.“ Inzwischen sagen beide unisono: „Wenn wir zusammen Mozart-Opern spielen, berührt uns das beide.“ Heute vermutlich noch mehr als vor 15 Jahren.