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Neueinstudierung: Tänzer fliehen wehmütig ins Gebirge

Neueinstudierung: Tänzer fliehen wehmütig ins Gebirge

Im Opernhaus heißt es: „Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehört“.

Wuppertal. Acht Tage, nachdem er zum neuen künstlerischen Leiter des Wuppertaler Tanztheaters ausgerufen worden ist, steht Lutz Förster erstmals wieder auf der Bühne — angetrieben von dem Gebrüll, das der Titel verspricht. „Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehört“: Der Leitsatz, den Star-Choreografin Pina Bausch schon bei der Uraufführung im Mai 1984 zum Bühnenprinzip erklärte, ist so aktuell wie lange nicht mehr. Seit 2003 war das Stück, das von Angst, Verzweiflung und unerfüllten Wünschen erzählt, nicht mehr zu sehen — nun kehrt der melancholische Szenenreigen eindrucksvoll zurück.

Seitdem es keine „richtigen“ Premieren mehr gibt, weil der plötzliche Tod von Pina Bausch im Juni 2009 eine tiefe Lücke in die Tanzwelt gerissen hat, wird jede Neueinstudierung mit Spannung erwartet — erst recht die jüngste.

Denn das „Gebirge“, in diesem Fall die mit Erde komplett überhäufte Opernhaus-Arena, ist das erste Projekt, das über die Bühne geht, nachdem bekanntgeworden ist, dass Lutz Förster seine Vorgänger Robert Sturm und Dominique Mercy ablöst. So manche Szene erhält deshalb eine ganz neue Bedeutung: Seite an Seite stehen Dominique Mercy und Lutz Förster auf der Bühne — untergehakt wie ein altes Ehepaar, das liebevoll und mit gegenseitiger Fürsorge, aber auch ein wenig unsicher und leicht verwirrt den Weg in die gemeinsame Zukunft sucht. Zaghaft gehen die beiden nach vorne. Sie drehen sich um, halten inne, schreiten erneut voran, machen eine weitere Kehrtwende.

Es ist ein inniger, intensiver Moment. Ein kleiner Höhepunkt in einem großen, dichten, zweieinhalbstündigen Programm. Eine leise Atempause in einem mitunter lauten Stück. Es ist vor allem auch ein poetisches Sinnbild mit aktueller Symbolkraft: In welche Richtung bewegt sich das Tanztheater Wuppertal?

Auf jeden Fall geht das Publikum am Donnerstag mit. Stehend gespendete Ovationen, ein begeistertes Pfeifkonzert und ein volles Haus sind der Lohn für einen Abend, der wie ein Thriller begonnen hat. Die Spannung wirkt von Anfang an bedrohlich: Im Halbdunkeln huschen die 26 Tänzer an den Wänden der Bühne, später auch an denen des Zuschauerraums entlang. Sie tasten sich durch den Saal, als seien sie auf der Flucht. Wovor suchen sie Schutz? Vermutlich nicht vor dem skurrilen Mann, der — mit nacktem Oberkörper, Gummihandschuhen, Sonnenbrille, roter Unterhose und ebenso signalfarbener Badekappe — durch die Erde stakst wie der sprichwörtliche Storch im Salat. Der kuriose Typ, eine Art Möchtegern-Supermann mit Roboter-Bewegungen, bläst stoisch Luftballons auf — und lässt sie in Fetzen aufgehen.

Dass auch Träume platzen können, ist keine neue Erkenntnis. Aber kaum jemand zeigt es so bilderreich, wehmütig und bewegend wie Pina Bausch. Bei ihr wird selbst ein Kuss zum Mahnmal im ewigen Kreislauf von Anziehung und Abstoßung: Ein Paar wird mehrfach zum Lippenbekenntnis gezwungen. Dabei bereitet Bühnenbildner Peter Pabst dem Ganzen den idealen Boden aus: Die dicke Erdschicht erinnert an das „Frühlingsopfer“, wird von Nebelschwaden begleitet und wirkt wie eine Zirkusmanege, in der seltsame Wesen ihre Tanzlust oder auch Melancholie ausleben, wild kreischen, über den Boden robben und wie die Wölfe heulen.

Immer schwingt Düsterkeit mit, immer überlagert Wehmut einzelne heitere Momente. Getanzt wird wenig — aber wenn, dann auf hohem Niveau und so beschwingend, dass die Zuschauerfüße am liebsten mitwippen möchten. Am Ende steht eine große Ensembleleistung, die neue Impulse erhält: Scott Jennings und Paul White fügen sich bestens ins Ensemble ein. Auch durch sie erhält der Abend — schrittweise — eine neue Bedeutung. Wie auch immer sich das Tanztheater in den kommenden Jahren ausrichten mag: Die Wiederentdeckung des „Gebirges“ ist ein wichtiger Schritt auf dem erklärten Weg, das Pina-Bausch-Erbe lebendig zu halten.