Inklusives Schauspielstudio: „Neue Wege“ für alle zu professioneller Kunst

Inklusives Schauspielstudio : „Neue Wege“ für alle zu professioneller Kunst

Das inklusive Schauspielstudio Wuppertal hat am Dienstag mit dem Unterricht begonnen. Es gibt noch einen freien Platz für einen Schüler.

Die Vorfreude ist groß, die Ambitionen auch. „Wir wollen behinderte Menschen zu anerkannten Schauspielern ausbilden, die auch an anderen Häusern spielen können. Damit übernehmen wir eine Vorreiterrolle“, sagt Thomas Braus. Am Dienstag hat das inklusive Schauspielstudio seine Arbeit aufgenommen. Sein Ziel: Bühnenreife zu vermitteln, wenn auch ohne anerkannten Abschluss. Braus’ Hoffnung: Dass das auf drei Jahre befristete Projekt sich verstetigt. Tags zuvor informierten sich der Lions-Club Wuppertal Mitte sowie der Arbeitskreis Kultur der CDU im Theater am Engelsgarten über das Projekt. Und erkundigten sich nach offenen Wünschen.

Er will ein körperbetontes Theater machen, „mit Körpern, so wie sie sind“. Braus’ Herzensthema ist die Inklusion, und deshalb schloss er vor zwei Jahren als frischgebackener Intendant des Schauspielhauses mit der Akademie der inklusiven Künste, Glanzstoff, einen Kooperationsvertrag.

Der Verein verfügt über eine über zehnjährige Theater-Erfahrung mit Behinderten, „wir machen keine Therapie, sondern Kunst, die Zuschauer und Schauspieler bewegt“, erklärt Jo Paul-Römer von Glanzstoff. Anerkennung, bundesweite Bekanntheit und Förderung der einzigartigen Arbeit hat sich Glanzstoff mittlerweile erworben, ein Problem aber nicht lösen können: „Menschen mit Handikap können immer noch nicht Schauspieler werden.“

 Hier setzt der Intendant an.  „Neue Wege“ heißt bezeichnenderweise das Landesprogramm, das über drei Jahre das inklusive Schauspielstudio mit 347 000 Euro fördern will. Dafür holte Braus neben Glanzstoff die Musikhochschule und die Kölner Schauspielschule „Der Keller“ ins Boot, erstellte ein Konzept, das vier Menschen mit Handikap am Theater ausbilden soll.

Über eine Aufnahmeprüfung wurden bislang drei Plätze vergeben, ein vierter soll in naher Zukunft besetzt werden. Das inklusive Team vervollständigen ein syrischer Flüchtling, zwei Eleven aus Köln und natürlich Mitglieder des Ensembles. Schauspiel, Tanz-, Stimmbildung und Sprecherziehung werden unterrichtet. Dozenten sind neben Braus Julia Meier vom Ensemble, der Leiter der Glanzstoff Akademie, Bardia Rousta, Anna Wehsarg vom Tanztheater Pina Bausch, Sopranistin Annika Boos und Dozentin Dörte Bald.

Es werden aber nicht nur Inhalte vermittelt, sondern auch Wolfgang Borcherts Stück „Draußen vor der Tür“ in einer Inszenierung von Rousta erarbeitet. Für den März 2020 ist die Premiere angesetzt. Glanzstoff steuert Erfahrung und Manpower bei. Etwa eine Betreuerin, „die sich um vieles kümmert, das uns gar nicht so bewusst ist“, so Braus.

Yulia Yanez Schmidt ist jetzt Schauspielschülerin, am Montag gab sie den Gästen im Theater eine Kostprobe ihrer Vortragskunst, rezitierte konzentriert und unterhaltsam drei Kästner-Gedichte. Eine Kommilitonin ist Flora Li, die den Wuppertalern durch ihre Titelrolle in der Glanzstoff-Produktion „Der kleine schwarze Fisch“ bekannt sein dürfte. Römer erzählte am Montag von seinem Erstaunen, als der Regisseur ausgerechnet die Rolle des quirligen Fisches mit einer Person besetzte, die im Rollstuhl sitzt. „Aber er fand für jeden die richtige Rolle, und Flora Li machte es brillant, der Rollstuhl wurde unwichtig.“

Eine Erfahrung, die auch Braus kennt. Er betont, dass es bei der Aufnahmeprüfung in Wuppertal, wie bei jeder Schauspielschule, um die Begabung und das Potential der Bewerber gegangen sei, das es zu erkennen galt.

Die Gäste waren angetan und fragten nach offenen Wünschen. Die gibt es reichlich, betreffen eine Spielstätte oder Probenräume, eine weitere Förderung der Glanzstoff-Arbeit oder ein Stipendium für eine Schülerin, deren Ausbildung nun zwar unterstützt werde, nicht aber ihr Lebensunterhalt. Einen ganz speziellen Wunsch gab Braus noch mit auf den Weg. Er bat um positive Werbung für die Wuppertaler Bühnen, nachdem diese jahrelang totgeredet worden seien: „Die Stadt sollte stolz auf ihr Theater sein und das positive Gefühl auch kommunizieren.“

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