Munch im Wuppertaler Von der Heydt-Museum

Kultur : Fragen der menschlichen Existenz

Eine zentrale Figur im Berliner Kunstgeschehen Ende des 19. Jahrhunderts war Edvard Munch (1863-1944). Der Norweger thematisierte in seiner Kunst grundsätzliche Fragen der menschlichen Existenz und gab den Entwicklungen der Kunst um und nach 1900, insbesondere den Expressionisten der „Brücke“, wichtige Impulse.

Sein Bild „Vampir“ ist deshalb zurzeit in unserer Ausstellung „Else Lasker-Schüler, ,Prinz Jussuf von Theben‘ und die Avantgarde“ zu sehen. Auch wenn er die Künstlerin nicht unbedingt persönlich kannte, beschäftigten sich beide mit ähnlichen Themen.

„Vampir“ ist eines der bekanntesten Motive von Edvard Munch. Er hat es ab 1893 mehrmals sowohl in Gemälden als auch in Lithographien behandelt. Das erste Ölbild nannte Munch „Liebe und Schmerz“; den ursprünglichen Titel änderte er später in „Vampir“ um.

Bei diesem Werk aus unserer Sammlung handelt es sich um eine spätere Version einer ursprünglich nur schwarz gedruckten Lithographie. 1902 hat er das Motiv erneut in einer Lithographie aufgegriffen, dann aber direkt verschiedene farbige Versionen von ein bis zwei Steinplatten in der Kombination mit der Technik des Holzschnittes gedruckt. Unser Blatt ist zusätzlich noch einmal von Hand koloriert.

Das wiederkehrende Motiv der „Vampir“-Bilder ist, wie in unserer Lithographie, ein sich umarmendes Paar: Eine Frau beugt sich über einen vor ihr knienden Mann und presst, unsichtbar für den Betrachter, ihre Lippen auf seinen Hals. Ihre Haarmähne breitet sich in einer Flut langer, welliger Strähnen über ihre Schulter, über seinen Kopf und seinen Rücken aus. Mann und Frau verschmelzen in einer fließenden Bewegung, die sich entlang den Konturen beider Figuren in einer dunklen Silhouette fortsetzt. Vor dem in atmosphärischen Blau-Violett-Tönen gehaltenen Hintergrund wirkt die dunkle Form wie ein in den Raum projizierter Schatten. Die Dunkelheit der Umgebung wirkt unheimlich und assoziiert abgründige Vorstellungen von Verderben und Tod.

Durch die leidenschaftliche Umarmung wird zugleich der Eindruck einer Bedrohung durch die Frau vermittelt, als wäre der Mann der weiblichen Macht willenlos ausgeliefert. Man spürt Munchs Absicht, eine direkte menschliche Erfahrung jenseits der gesellschaftlichen und moralischen Konventionen zu schildern. Die Darstellung gehört in seinen Themenkreis von Liebe, Angst, Eifersucht, Schmerz und Tod.

Um die existenzielle Tiefe seiner Absichten zu verdeutlichen, schuf Munch symbolistische Bilder, die sich durch große Ausdruckskraft auszeichnen, was Munch und Else Lasker-Schüler teilen. Die Kühnheit ihrer frühen Liebesdichtungen lässt sich durchaus mit der Direktheit erotischer Darstellungen in der Kunst Edvard Munchs, wie in seiner Grafik „Vampir“, vergleichen.

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