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Matthäus 2727 neu interpretiert

Matthäus 2727 neu interpretiert

Kooperation dreier Ensemble bringt Bachs Stück imposant auf die Bühne des Opernhauses.

Die Städtepartnerschaft zwischen Wuppertal und Beer Sheva existiert seit 40 Jahren. Also machte man sich bereits vor etwa drei Jahren Gedanken, wie dieser runde Geburtstag kulturell gebührend gefeiert werden kann. Unter der Ägide der Kulturabteilung der Bayer-Werke gingen die Kantorei Barmen-Gemarke, das Orchester „l’arte del mondo“ aus Leverkusen und die „Kamea Dance Company“ aus der israelischen Partnerstadt eine Kooperation ein. Ausverkauft war das Opernhaus, als sie nun ihr Projekt „Matthäus-Passion-2727“ präsentierten.

Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion dauert nicht ganz drei Stunden. Sie verlangt neben Gesangssolisten zwei Chöre und zwei Orchester. Dieses umfangreichste und am stärksten besetzte Passionswerk des barocken Komponisten ist fraglos ein Markstein protestantischer Kirchenmusik. Choreograph Tamir Ginz (Chef der Tanzkompanie), Wolfgang Kläsener (künstlerischer Leiter der Kantorei) und Orchesterchef Werner Ehrhardt nahmen dieses Opus als Vorlage für eine ganz neue Sicht- und Herangehensweise der Leidensgeschichte von Jesus. Die Musik wurde auf ungefähr 75 Minuten reduziert und die Reihenfolge der Abschnitte wie Rückblenden neu geordnet.

Wer aber meint, es sei ein Stückwerk entstanden, liegt ziemlich daneben. Das lag hauptsächlich an den 14 Tänzern, die die Geschichte mit ihrem Ausdruckstanz ganz neu erzählten. Man begab sich in die Zukunft, in das Jahr 2727, also genau 1000 Jahre nach der Uraufführung des bachschen Originals. In dieser Zeit wurde im schwarzen Dress auf einem weißen Bühnenboden zurückgeblickt. Vor einer weißen Wand, die sich im Laufe des Geschehens langsam hebt, um schließlich beim letzten Ton wieder in ihre Kleinform zurückzufallen, wurde sehr emotional die Handlung mit Bezügen zur Jetztzeit neu interpretiert. Das Lichtdesign von Yaron Abulafia änderte sich entsprechend der Stimmungen. Scharf konturierte weiße Lichtstrahlen durchdrangen Jesus mit entblößtem Oberkörper gleich einer Science-Fiction-Kreuzigung. Oder Textpassagen wurden anders in Szene gesetzt, wenn etwa robotergleich agiert wurde.

Dieses hohe Niveau wurde musikalisch nur teilweise erreicht. Unter der umsichtigen Leitung Ehrhardts und mit Kläsener am Orgelpositiv spielte das geteilte Barockorchester nämlich nicht ohne erhebliche Misstöne.

Die Kantorei Barmen-Gemarke, bei der Aushilfen etwa von der Kantorei Dreiklang mitmachten, legte sich links und rechts des halb hochgefahrenen Orchestergrabens mächtig ins Zeug. Die Choräle, Turba-Einwürfe, Eingangs- wie Schlusschor gestalteten die Choristen sehr beweglich und recht ausdrucksstark.

Die Gesangssolisten integrierten sich ausgezeichnet in die Choreografie. Dabei überzeugte gerade Daniel Tilch als Evangelist mit einem sattelfesten Tenor. Altistin Elisabeth Graf hat zwar die Blütezeit ihrer großartigen Solistenlaufbahn hinter sich. Trotzdem konnte man sich dank ihrer nach wie vor unverwechselbar dunkel-warm gefärbten Stimme etwa bei „Erbarme dich, mein Gott“ und „Ach Golgatha“ an expressiven, tief ausgeloteten Gesängen erfreuen. Blass waren dagegen Bariton Christian Janz und Bassist Philipp Scherer, deren Stimmen für die Akustik des Opernsaals nicht tragfähig genug waren.

Mit lang anhaltenden stehenden Ovationen wurde Respekt gezollt für eine hoffentlich nicht einmalig bleibende Zusammenarbeit: Ein jüdischer Künstler lässt sich respektvoll auf christliche Traditionen ein, bringt sie schadlos durcheinander. Die Worte Akzeptanz und Toleranz wurden groß geschrieben. Denn ohne sie hätten zwei Kulturkreise nicht so einträchtig zusammenfinden können wie an diesem Abend.