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Manager und Leiterin Früherziehung über Lage der Wuppertaler Kurrende

Wuppertaler Kurrende : Coronaknick: „Mittlerweile fehlt ein ganzer Jahrgang“

Manager und Leiterin Früherziehung über Lage der Wuppertaler Kurrende.

Die Erkenntnis ist bitter: Nachwuchsgewinnung könne nicht wirklich gelingen, solange die Schulen geschlossen bleiben. Sagt Jonathan Wahl, Manager der Wuppertaler Kurrende. Nachdem der Start in das letzte Jahr mit dem Erhalt des Springmannpreises einer der besten in der Geschichte des Chores war, machen sich die Folgen der Corona-Pandemie negativ bemerkbar. Der Coronaknick sei da, „mittlerweile fehlt ein ganzer Jahrgang, so Wahl.

Nach den Sommerferien konnte man noch in kleinen Gruppen arbeiten, passte man sich weiteren Einschränkungen an, die der Lockdown light im November brachte. Verzichtete schließlich ganz auf Präsenzkurse und schaltete komplett auf digitalen Unterricht um. Nachdem man sich an die Technik und die andere Art des Unterrichts gewöhnt habe, liefe mittlerweile alles routiniert ab, erzählt Laura Cichello, die Stimmbildnerin und Leiterin der musikalischen Früherziehung bei der Kurrende ist. „Das ist ja ein ganz anderes Arbeiten, Hören, Vorgehen.“ Dabei kam zugute, dass digitale Erfahrungen bereits im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 gemacht worden waren und auch die Schulen im Online-Unterricht vorankamen.

Am besten funktionieren Musiktheoriekurse online – weil es bei der Kommunikation nicht auf den Klang ankommt. Der Stimmbildungsunterricht für die Schulkinder (Schwerpunkt: neun Jahre bis Stimmbruch) findet eins zu eins statt, Klangdefizite werden mittels Anpassungstricks abgebaut. Man höre mittlerweile recht gut, sagt Cichello. Anders ist die Situation bei der Früherziehung der Vier- bis Sechsjährigen. An drei Kursen mit jeweils bis zu zwölf Kindern sei der Bildschirmunterricht eine Notlösung, keine echte Alternative, die zudem ohne Unterstützung der Eltern gar nicht funktioniere. Umso erfreulicher sei es, dass diese meistenteils vorhanden sei.

Ein „echtes“ Konzert
fand am 3. Oktober statt

Die Lehrer verfolgen ihre inhaltlichen Ziele auf spielerische Art und Weise. Die Kinder freuen sich vor allem über den Kontakt mit den anderen - auf dem Bildschirm und bei sich zuhause, wo sich ganze Familien und ab und an auch ein Nachbarkind einfindet. Um den bewusst interaktiv gehaltenen Gruppenunterricht kontrollieren zu können, wenn gemeinsam getrommelt und gesungen wird, müssen des Öfteren die Mikrofone stummgeschaltet werden. Langfristig aber, so Cichello, sei der Präsenzunterricht natürlich besser, weil die persönliche Beziehung, das Imitieren dessen, was der Lehrer macht, gerade in der Früherziehung wichtig sei.

Bleiben noch die Chorproben, deren Dauer von zwei oder zweieinhalb Stunden auf 45 Minuten reduziert wurde. Der Chorleiter sitze in der Kurrende, spiele Klavier und singe. Die Sänger seien zuhause - sie seien stummgeschaltet, hören zu und machen mit, werden nur vereinzelt lautgestellt. Außerdem werde über Mund- und Atem-Bewegungen gecheckt, ob die Chorknaben mitmachen. Klanglich ist das Thema äußerst schwierig. „Das ist 45 Minuten Einbahnstraßenunterricht ohne Kontrolle und mit begrenztem Sinn“, so Wahl.

Am 3. Oktober fand tatsächlich ein Konzert statt: Teile des Männerchores und der Mädchenkurrende sangen vor 130 Zuschauern in der Basilika St. Laurentius. Die traditionellen Quempaskonzerte aber wurden abgesagt, „Kurrendaner on Tour“ versuchte einen kleinen Ersatz in der Vorweihnachtszeit zu bieten. Die Chorknaben sangen auf einem kleinen Lkw vor Altersheimen, caritativen Einrichtungen und einzelnen Personen. Das gerade aufgelegte Format „Stay at home - sing at home“ (siehe Kasten) dagegen erfahre noch nicht viel Resonanz, so Wahl.

Weitere Planungen für dieses Jahr werden grundsätzlich flexibel gehalten, die Sommerfreizeit sei wieder vorgesehen, im Herbst eine Konzertreise in die polnische Partnerstadt Liegnitz. Vor Ostern sei sicherlich nichts möglich, auf Konzerte vor den Sommerferien und Chorproben in Präsenz will sich Wahl nicht festlegen.

So wichtig die digitale Technik auch ist, dem Chor als soziales Gefüge kann sie nicht helfen. Während Erwachsene den fehlenden Kontakt noch am Stammtisch kompensieren können, setzen sich Kinder nicht zum Gespräch zusammen, sondern brauchen das gemeinsame Spiel. Erschwerend kommt hinzu, dass bei den Jungs „die Uhr gegen den Stimmwechsel tickt“, so Wahl.

Die Nachwuchsgewinnung aber tritt wegen der Pandemie auf der Stelle. Noch im Frühjahr 2020 habe man durch Aktionen einige Jungs angefixt, aber diese wegen unmöglich gewordener gemeinsamer Aktivitäten dann nicht in den Chor integrieren können. Eine langfristige Bindung sei nicht erreicht worden. Auch aktuell angestrebte Onlineformate mit gruppendynamischen Aktivitäten sieht Wahl skeptisch. Der Beitritt zur Kurrende über in Familie oder Bekanntenkreis vorhandene Bindungen sei der Einzelfall. Solange man sich nicht bei Veranstaltungen präsentieren, nicht in die Junior Uni oder gezielt die Schulen besuchen könne, sei der Gewinn des Nachwuchses nicht wirklich möglich.