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Manager Jonathan Wahl zur Situation der Wuppertaler Kurrende

Manager Jonathan Wahl zur Situation der Wuppertaler Kurrende : „Wir sind des Chorgesangs, also unserer ureigenen Tätigkeit, beraubt“

Herausfordernd sei die Situation, sagt Jonathan Wahl. Eine wirkliche Lösung gebe es bislang nicht, die kurzfristige Perspektive sei nicht ermutigend, die mittelfristige hänge von der allgemeinen Entwicklung der Coronakrise ab.

„Wir sind des Chorgesangs, also unserer ureigenen Tätigkeit, beraubt“, stellt der Manager der Wuppertaler Kurrende fest, die ein Chor mit vielen Kindern ist. Seit Montag findet in dem Haus an der Mozartstraße eine Sommerprobenwoche statt. Sie muss die traditionelle Freizeit ersetzen.

Die Situation sei schon kurios gewesen, erinnert sich Wahl. Unter Corona-Bedingungen wurde der Springmann-Preis im Mai an die Kurrende verliehen. Die Geehrten wurden per Video zugeschaltet. Sie hatten jeder für sich zuhause das Bergische Heimatlied gesungen, das zusammengetragen in die Feierstunde eingespielt und im Livestream im Netz übertragen wurde. Der Preis sei für etwas verliehen worden, was damals nicht mehr ging, wie „ein Schimmer aus der Vergangenheit“, so Wahl.

Da waren das Passionskonzert im März und die Rossini-Kooperation mit dem Knabenchor der Jenaer Philharmonie, die für den Mai vorgesehen war, schon geplatzt. Nun also die Sommerfreizeit, und im September die Schnupperwoche, die mit dem Familienkonzert zusammen mit der Elberfelder Mädchenkurrende eröffnet werden sollte. Klar wäre eine Freizeit mit Spiel und Sport möglich gewesen. Aber ohne Singen? Das wäre dann nicht mehr die Kurrende gewesen. Sie will nicht für pure Freizeitbeschäftigung, sondern für außerschulische Bildung stehen.

Stattdessen heißt es, mit Verstand und mit Abstand vorgehen – der drei Meter zur Seite und vier Meter in Singrichtung fordert. Das Risiko minimieren, nicht nur die rechtlichen Vorgaben einhalten, die Wahl als Minimalanforderungen versteht. Während der Sommerprobenwoche wird in Kleingruppen gesungen und das maximal 90 Minuten inklusive Pause. Der Saal der Kurrende ist groß genug, die Fenster sind stets geöffnet.

Eine Gruppe umfasst die acht angehenden Konzertsänger, eine weitere die Solisten, die in der Zauberflöten-Inszenierung der Oper mitwirken werden. Das Konzertchorensemble wiederum probt in Zwölf-Personen-Stärke. Als entspannende Ergänzung stehen Fußball auf dem Kurrende-Campus, Minigolf, eine kleine Radtour, eine Stadtrallye von Lüntenbeck bis zur Oper Barmen und eine größere Radtour zum Unterbacher See auf dem Programm.

Seit März sei der Chor, der aus 25 Erwachsenen und 25 Kindern besteht, nicht mehr zusammengekommen. Virtuelle Aktivitäten seien wichtige Lebenszeichen, können aber nicht überdecken, dass der Chor als Gesamtorganismus leide. Besonders die jungen Sänger, bei denen vieles über Bilder funktioniere, die die Stimmfunktion erst noch kennenlernen müssen, am besten in der Gemeinschaft.

Nachwuchsprobleme
haben sich verschärft

Die Nachwuchsprobleme haben sich entsprechend verschärft. Konnten auch nicht durch die seit Mai kostenlos angebotenenn Gesangsstunden für maximal zwei Schüler behoben werden. Die werden zwar gut angenommen, seien aber noch ausbaufähig.

Gleichzeitig fürchtet Wahl um das Singen in der Schule. Das zuständige Landesministerium verbietet vorerst bis zu den Herbstferien gemeinsames Singen in geschlossenen Räumen, verlangt selbst für das Singen außerhalb geschlossener Räume vergrößerte Mindestabstände. Und empfiehlt auf „andere Formen aktiven musikalischen Gestaltens“ auszuweichen.

Gedankenspiele gibt es viele: Ein Konzert in der St. Laurentiuskirche, einem Bauwerk, das sowohl für die Akteure als auch für das Publikum viel Platz biete. Mit zehn Männern und zehn Frauen, die klangvolle Stücke hochwertig präsentieren – „eine große Herausforderung, und da sprechen wir noch nicht von Sinnhaftigkeit“. Die Weihnachtskonzerte, die allein schon wirtschaftlich wichtig, aber im Moment nicht in Maximalstärke denkbar sind. Gut, dass mehrere Wuppertaler Stiftungen, „denen die Kultur am Herzen liegt“, finanziell einspringen.

Wahl schaut über den Tellerrand, fragt sich, wie andere Chöre klarkommen. Anfang Juli erlebte er in Stuttgart einen Livechor. Ausgebildete Vollprofis, die vokale Kammer-, keine Chormusik boten, eine ganz trockene Akustik brauchten. Oder die Tour der Thomaner vor kurzem, die mit reduzierter Personenanzahl durchgeführt wurde. Die sei zwar ein Hoffnungsschimmer gewesen, der aber bei näherem Hinsehen verblasste: Die Internatsschüler wurden durch ausgebildete Frauenstimmen unterstützt, und es wurden Pooltests auf das Virus durchgeführt.

Also fährt die Kurrende weiter auf Sicht: In dieser Woche wird darüber befunden, ob die Online-Proben fortgesetzt werden. Ansonsten wird in Einzel- und Kleingruppen gearbeitet. Und Wahl selbst, der gerne in Kammerchören singt, verlegt sich weiter aufs Alleinsingen – damit die Stimme fit bleibt.