Lutz Wessel: Zwischen Kulturschock und Theater-Euphorie

Lutz Wessel: Zwischen Kulturschock und Theater-Euphorie

Der Schauspieler der Wuppertaler Bühnen liebt Humor, die Hardt und den Zoo.

Wuppertal. Wo er am liebsten Text lernt? „Bei den Flamingos!“ Wer mit Lutz Wessel über seine beiden großen bergischen Leidenschaften — die Tier- und die Theaterwelt — spricht, staunt nicht schlecht. Denn der Schauspieler hat seine Lieblingszuschauer im Zoo gefunden: Rosarote Vögel dürfen regelmäßig dabei sein, wenn sich Wessel auf neue Rollen vorbereitet.

„Das ist herrlich“, sagt er — wohl wissend, dass die ideale Sitzgelegenheit in bester Flamingo-Nähe auf ihn wartet. „Da gibt es eine Bank, auf die bei schönem Wetter die Nachmittagssonne scheint. Da kann ich in aller Ruhe zwei Stunden lang Text lernen.“ Doch was ist, wenn er zur Abwechslung mal ein anderes Publikum oder ganz einfach nur etwas Abstand von vorgeschriebenen Buchstabenansammlungen benötigt? „Dann gehe ich zwischendurch einfach zu den Pinguinen.“

Das klingt ganz danach, als sei der gebürtige Hamburger mit seiner Wahlheimat tierisch zufrieden. Sonst würde er nach der Sommerpause wohl auch kaum in seine vierte Spielzeit an den Wuppertaler Bühnen starten. Dabei war es nicht unbedingt Liebe auf den allerersten Blick. „Das kennen wir ja alle“, erklärt der Schauspieler. „Der Bahnhof ist erstmal ein Schock. Doch Wuppertal hat auch wunderschöne Ecken.“ Und die hat der Norddeutsche längst entdeckt: Neben der Jahreskarte für den Zoo ist ihm die Hardt ans Herz gewachsen. Wessel wohnt nicht weit entfernt, dreht gerne als Jogger seine Runden und genießt das blühende Leben im Botanischen Garten.

„Ich komme mir schon richtig alt vor“, sagt er mit einem Augenzwinkern. „Ich ertappe mich ab und zu dabei, wie ich vor einer Pflanze stehe und sage: Herrlich, wie der Gewürzgarten in diesem Jahr schon duftet!“ Vielleicht liegt’s ja auch genau daran, dass Wessel sein Alter nicht verraten will — und nicht nur an seinem Temperament. Schließlich bewegt sich der Schauspieler mit sicherem Gespür an der Grenze zwischen Ernst und Heiterkeit.

„Ich kann mich an mein Geburtsdatum nicht erinnern“, betont er mit (gespielt?) ernster Miene. „Was ich weiß: Im chinesischen Horoskop bin ich Affe.“ Womit wir wieder bei den Tieren und der Natur wären. Denn die spielt im Leben des Schauspielers eine zentrale Rolle. Apropos: Wer in den 60er Jahren in Hamburg geboren worden ist, als Kleinkind nach Bayern „verpflanzt“ wurde und in einem kleinen Ort bei München aufwuchs, hat mit dem mentalen Nord-Süd-Gefälle sicherlich seine Erfahrungen gemacht. „Das war schon ein Kulturschock“, erklärt Wessel heute. Immerhin: „Die Natur in Bayern war toll. Wir haben Pilze gesammelt und sind viel gewandert.“

Außerdem hat er seinen Karrierestart nicht zuletzt dem ständigen Auf und Ab in Wanderschuhen zu verdanken. „Ich hatte schon als Kind die Begabung, Dialekte imitieren zu können. Wenn ich mit meinen Eltern unterwegs war, haben sie mich in den Hütten auf die Bank gestellt. Da habe ich dann Witze erzählt oder auch Otto nachgemacht.“

Die Berghütte als erste Bühne also — und heute? Findet Wessel seine Lieblingszuschauer natürlich längst nicht nur im Zoo. „Ich mag beide Häuser“, betont er mit Blick auf Opern- und Schauspielhaus. „Ich mag es, wenn man ,groß’ spielen kann. Ich mag aber auch die kleine Form. Ich liebe die Abwechslung.“ Und damit nicht zuletzt den Spagat zwischen Flamingos und Pinguinen . . .

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