Konzert: Lutz-Werner Hesses Partitur feiert umjubelte Premiere

Konzert : Lutz-Werner Hesses Partitur feiert umjubelte Premiere

Sinfonieorchester führte „Ich habe dich gewählt“ mit Texten von Else Lasker-Schüler erstmals in der Stadthalle auf.

Auch ganz erfahrene Komponisten leiden an Lampenfieber, gerade wenn ihre Werke uraufgeführt werden. Lutz-Werner Hesse erging es nicht anders, bekannte während der Einführungsveranstaltung zum vierten städtischen Sinfoniekonzert offen: „Ich bin aufgeregt.“ Sorgen hätte er sich eigentlich nicht zu machen brauchen, postete er doch tags zuvor auf Facebook, dass die Generalprobe für sein neues Stück „wunderbar gegangen“ war. Und weiter: „Ich bin glücklich und freue mich sehr auf morgen.“ Das konnte er auch. Denn nachdem der letzte Ton seines zweiten symphonischen Gedichts „Ich habe dich gewählt…“ auf Texte von Else Lasker-Schüler verklungen war, durfte er zu Recht stehende Ovationen im Großen Saal der Stadthalle entgegennehmen.

Die Bühne platzte aus allen Nähten, auch das Chorpodium war halbvoll. Denn Hesse schrieb sein Opus 82 für sehr großes Orchester inklusive Orgel, großen Chor, Mezzosopran und einen Sprecher. Aber pompös-laut und wuchtig ist das über 40-minütige Werk nur an wenigen, kurzen Stellen. Vielmehr dient die große Instrumentenpalette zur Bildung von sensiblen, nuancenreichen, teils schlichten wie auch rhythmisch diffizilen Klangfarben, die den großen Stimmungsgehalt und die mannigfaltigen Textbilder von sechs Gedichten Lasker-Schülers untermalen. Auch Richard Wagners berühmter Tristan-Akkord, hier als Zitat in Einzeltöne zerlegt, passt genau zu der Dichtung „Ich liebe dich.“ Viel melodisches, tonales, freitonales, dissonierendes Material kommt vor. Stimmungsreiche musikalische Spannungsbögen geben sich die Hände. Sehr genau und intensiv hat Hesse seine Musik mit dem inneren Gehör wahrgenommen und notiert. Das sieht man der meisterhaft ausgearbeiteten Partitur an und hört es auch live.

Alle Beteiligten gestalten
das Konzert ausdrucksstark

Dementsprechend führte das Sinfonieorchester Wuppertal unter dem engagierten und exakt schlagenden Dirigat von Julia Jones die Partitur plastisch vor Augen, sehr differenziert und dynamisch fein abgestuft. Mitatmend begleitete es den Wuppertaler Opernchor (Einstudierung: Markus Baisch) und den Kammerchor amici del canto (Einstudierung: Dennis Hansel), die ausgezeichnet harmonierten und ihre gesungenen wie gesprochenen Passagen absolut intonationsrein, intensiv-dicht und ausgeglichen gestalteten. Ebenfalls gab dem Gehalt der Texte der ausdrucksstarke und variable Mezzosopran von Iris Marie Sojer vom Wuppertaler Opernensemble eine hochmusikalische, ergreifende Stimme. Last but not least war es Schauspielintendant Thomas Braus, der als Sprecher eingangs als Prolog „Die Verscheuchte“ und das vorletzte Gedicht „Mein Tanzlied“ packend rezitierte.

Ein weiterer Glanzpunkt der Matinee war der junge kanadische Geiger Kerson Leong, der bereits während der letzten Spielzeit mit Béla Bartóks zweitem Violinkonzert eine ausgezeichnete Visitenkarte hinterließ. Nun hatte er Benjamin Brittens Violinkonzert in d-Moll (op. 15) mitgebracht, das einst die Geigenlegende Jascha Heifetz für unspielbar hielt und deswegen die Finger davon ließ. Auch heute noch spielen es nicht alle Violinstars. Leong hingegen meisterte selbst die vertracktesten virtuosen Stellen wie die Kadenz im zweiten Satz spielerisch leicht und faszinierte mit einer großen, sonoren, singenden Tongebung. Die städtischen Sinfoniker „trugen“ ihn dabei qua ihrer feinfühligen und ausgewogenen Begleitung.

Demzufolge bedankten sich bei Leong etliche Zuhörer mit stehenden Ovationen. Dafür wurden sie mit dem dritten Satz („Allegretto Poco Scherzoso“) aus der ersten Sonate für Violine solo in g-Moll des belgischen Komponisten Eugène Ysaÿe als Zugabe belohnt, den er außerordentlich feinfühlig und filigran vortrug.

Wolfgang Amadeus Mozarts kurze 50. Sinfonie in D-Dur (KV 141a) diente als Opener des ausgezeichneten Konzerts, die deutlich phrasiert gespielt wurde.