Kunst, Häuser und Geschichten: Lutherwand spielt mit Licht und Raum

Kunst, Häuser und Geschichten : Lutherwand spielt mit Licht und Raum

Ein 35 Meter langer Vorhang aus 616 Hohlspiegeln schließt die Kassenhalle der Stadtsparkasse am Islandufer zur B 7 ab.

Sie reizt kleine und große, junge und alte Menschen zum Spiel, ihre lichtbrechenden, runden Spiegel, ihre unzählbaren Ansichten, ihre unendlichen Vervielfachungen reizen zum Anfassen. Und doch nehmen viele die lange Wand aus 44 Stelen, eine jede fünf Meter hoch und mit 14 Hohlspiegeln bestückt, nicht wirklich wahr. Weil sie sich einfügt wie ein 35 Meter langer Vorhang, der den großen, quadratischen Raum zur B 7 abschließt. Menschen betreten die Kassenhalle der Stadtsparkasse am Islandufer, wenn es ums Geld geht, weniger um zu verweilen und Kunst zu genießen.

Der Architekt Paul Schneider von Esleben (1915 bis 2005) schuf das Gebäude als Gesamtkunstwerk, das er bis ins Kleinste durchdeklinierte. Der Düsseldorfer war ein typischer Vertreter der demokratischen Nachkriegsarchitektur der Bonner Bundesrepublik, entwarf Bürohochhäuser, Bungalows und Kirchen. Sein Stil enthielt Elemente der klassischen Moderne, des Betonbrutalisums und der Postmoderne. In Wuppertal baute Esleben von 1969 bis 1973 den für damalige Verhältnisse hochmodernen Gebäudekomplex der Stadtsparkasse in Elberfeld, der seit 2015 unter Denkmalschutz steht.

Innen wie außen trug der Bau eine moderne Formensprache ins Bankenwesen hinein – mit den exponierten Spindeltreppen der Parkgarage und seinem 75 Meter hohen Turm, der eine Landmarke in der Stadtsilhouette bis heute ist. Auch die Kassenhalle mit ihren 2500 Quadratmetern Grundfläche war zukunftsweisend. Sie wurde mit einem Drive-In-Schalter ausgestattet, der über die B 7 in westlicher Richtung angefahren werden konnte, mit Rohrpost und Fernsehen arbeitete und heute Geschichte ist. Drinnen wurden keine klassischen Schaltertresen mehr aufgebaut, Esleben setzte auf eine architektonisch aufgelockerte Großraum-Atmosphäre. Seine verschachtelten Beratungszonen und farbenfrohen Trennwände sind längst Geschichte, der Trend ging zum Runden. Nach wie vor aber liegen die Arbeits- und Beratungsplätze im Zentrum, werden von Kundenraum und Verkehrswegen umrundet.

Auch der Kunstvorhang vor der Seite zur B 7 blieb. Esleben, der gerne bei öffentlichen Bauten Künstler involvierte, hatte dafür den gebürtigen Uerdinger Adolf Luther (1912 bis 1990), einen Hauptvertreter der kinetischen Kunst und Optical Art mit interessantem Lichtkonzept, verpflichtet.

Für die Stadtsparkasse schuf der Jurist, der seinen Beruf als Richter der Kunst wegen mit 45 Jahren aufgegeben hatte, ein kinetisches Objekt mit einer Ästhetik der Transparenz und Offenheit, die gut zur damaligen Architektur passte. Es reflektierte die Farben und Objekte des Raums, schuf ein neues, sich ständig veränderndes Bild. Das Wechselspiel zwischen offenem Raum und tanzendem Licht kontrastierte mit der Schwere der Architektur, löste diese quasi auf. Was wirklich, was nur imaginiert war, geriet wie die menschliche Wahrnehmung durcheinander.

Mitarbeiter und Kunden der Stadtsparkasse freilich überprüften auch die Alltagstauglichkeit des faszinierenden Kunstwerks. Und übten Kritik: Die Wand blendete je nach Lichteinfall, und sie machte störende Geräusche. Um die Stelen gegenläufig zueinander zu drehen und so wandernde Lichtreflexe in der gesamten Halle zu ermöglichen, kam ein nicht zu überhörender Motor zum Einsatz. Also wurde er nicht mehr angeworfen, die Wand stillgelegt. „In friedlicher Koexistenz teilten sich fortan Kunst und Geschäft den Raum“, heißt es dazu im hauseigenen Artikel „50 Jahre Kunst in der Stadtsparkasse“.

Aber auch die stillgelegten, insgesamt 616 Hohlspiegel erlauben zahlreiche unterschiedlich verzerrte Bildnisse des Betrachters und des Raumes. Entsprechend stolz ist auch Jürgen Harmke, der die Wand noch in Bewegung erlebte. Der Eventmanager, der in der Unternehmenskommunikation und im Vertriebsmanagement tätig ist, kam 1977 ins Haus. Die Lutherwand ist für ihn „etwas Besonderes, zumal sie immer wieder anders aussieht“. Er weist darauf hin, dass Veranstaltungen bewusst auf der Fläche davor stattfinden. „Wir sind froh, dass wir diesen Ort haben, wo wir Kunst vor Kunst zeigen können.“