Lesung in der Wuppertaler Glashalle: Eigentlich 20 Jahre zu spät

Kultur : Lesung in der Glashalle: „Eigentlich kommt diese Idee 20 Jahre zu spät“

Autorinnen Sybil Quinke, Anja Liedtke und Christiane Gibiec zu Gast bei der Stadtsparkasse.

Exklusive Bühne für das Wort: In der Glashalle der Stadtsparkasse am Johannisberg lasen drei Schriftstellerinnen aus Wuppertal. In prächtigem Ambiente gaben Sybil Quinke, Anja Liedtke und Christiane Gibiec Auszüge aus ihren Werken.

Zum ersten Mal öffnete sich der Ort für Literatur in diesem Format, nachdem man ihn erst neuerdings für Konzerte und Theater entdeckt hatte. Jürgen Harmke, Sprecher und Gastgeber des Abends, gestand launig zu Beginn: „Eigentlich kommt diese Idee 20 Jahre zu spät.“ Vor der weiten Glasfront bot sich dem Publikum dann ein starker Eindruck der Texte, gerade bei der zunehmenden Dämmerung.

Nicht indes, dass die wachsende Dunkelheit unheimlich gewirkt hätte, obwohl von der Bühne so manch Grausiges zu hören war. Sibyl Quinke, promovierte Apothekerin, hatte sich mit „Der Tod im Flakon“ heute zwar nicht für eines ihrer Werke entschieden, in denen Arznei zur Mordwaffe wird.

Tödlich aber wurde es auch hier: Der Liebhaber einer Parfümunternehmerin wird tot aufgefunden, nachdem im Eingangskapitel ihre neue Duftlinie präsentiert wurde – in der Wuppertaler Stadthalle. Nicht nur Gifte, ahnte man, haben verborgene Nuancen, auch Parfüm: „Selbst noch nicht wahrnehmbar, dennoch wirken“, war zu hören. Nur scheinbar gleichmütig sprach Quinke Boshaftigkeiten, latent unheilschwanger kam ihr Lesestil in der Halle gut zur Geltung.

Die Natur steht
im Mittelpunkt

Anja Liedtke gab Passagen aus zwei Werken – Grund der Auswahl: Beide stellten in besonderer Weise die Natur in den Mittelpunkt. In ihrem Roman „Stern über Europa“ war das im Grunde Nebenaspekt einer ungewöhnlichen Handlung mit politischem Akzent: Eine Journalistin geht auf Reisen, um gerechtere Gesellschaftsmodelle zu erkunden. In der gelesenen Szene wird sie durch einen Unfall mit der fremden Flora und Fauna konfrontiert.

Noch zuvor las sie Vielversprechendes aus einem noch unveröffentlichten Werk: „Myriaden von Mücken kreisen um den Schlachtplatz, feiern das Leben, feiern den Tod.“ Oder: „Der ewige Zilpzalp zerrt am Nerv.“ Mit Lust an Sprachgestaltung brachte Liedtke die Natur regelrecht zum Klingen.

Mit Christiane Gibiec wurde es wieder spannend, dazu historisch und für manchen im Saal wohl auch bekannt: Ihr Roman „Türkischrot“ ist seit Jahren beliebt und stellt einen Kriminalfall in den Kontext des Lebens im Wuppertal des 19. Jahrhunderts. Tot liegt die Gattin eines Textilfabrikanten in Färberlauge mit der titelgebenden Farbe.

Das Dienstmädchen Rieke erlebt dabei die Situation im einfachen Volk. Ob im Haus ihrer Herrschaft oder bei einer Jahrmarktszene, wo bei einer inhumanen „Exotenschau“ die gärende Stimmung zum Ausbruch kommt: Christiane Gibiec las Auszüge, die lebendigen Einblick in das Sozialleben der Zeit gaben.

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