La Bohème in Wuppertal: Oper stellt die Frage nach Verantwortung

Premiere : Lebenskünstler und die Frage nach Verantwortung

Immo Karaman und Fabian Posca bringen Puccinis „La Bohème“ auf die Bühne der Wuppertaler Oper.

Sie ist die Einstiegsdroge vieler Opernfans: Obgleich ihr Start 1896 holperig war, wurde sie zum Welterfolg und gehört noch heute zum Standard-Repertoire vieler Häuser. Nach neun Jahren steht Giacomo Puccinis „La Bohème“ auch wieder auf dem Spielplan der Wuppertaler Oper. Inszeniert von einem eingespielten Team, das beruflich und privat harmoniert: dem Regisseur Immo Karaman und dem Kostümbildner Fabian Posca. Am 2. November steht die Premiere an.

Puccini, das ist auch für Immo Karaman und Fabian Posca vor allem Musikgenuss. Seine „wohltuende Musik“ sei „wie ein emotionales Spa“, schwärmt Karaman. Und für Posca ist „La Bohème“ eines der emotionalsten und größten Stücke. Er schätzt vor allem die Einspielung mit Maria Callas. Bringt der Oper mit ihren teils (menschen-)aufwendigen Szenen zugleich großen Respekt entgegen.

Die Geschichte dieser Oper spielt in der Pariser Künstlerszene im Quartier Latin. Im Mittelpunkt stehen zwei Paare: der Maler Marcello und die Kokotte Musetta, der Schriftsteller Rodolfo und die Blumenstickerin Mimì. Deren Liebe währt nur kurz: Mimì ist an Tuberkulose erkrankt, kann sich keine Behandlung leisten und muss sterben. Immo Karaman hat eine besondere Beziehung zu dem Stück, erlebte eine Wuppertaler Aufführung 1999 als Regieassistent. Er freut sich, nun selbst zu inszenieren, stellt die vier Protagonisten vor allem als gescheiterte Künstler dar, die sich durchs Leben gaunern, ständig Szenen erfinden. Die Lebenskünstler agieren auf einer fiktionalen, spielerischen Ebene, die die Realität ausblendet. Bei der Vorbereitung habe man in einem Berliner Café am Nachbartisch einen Fünfjährigen erlebt, der von jetzt auf gleich einen Astronauten spielte. Die spannende Frage sei dabei gewesen, meint Posca, was der Junge sehe, denn darum gehe es auch im Stück: „Das wollen wir sichtbar machen, nicht nur von außen drauf schauen.“ Die kindliche Fantasie sei ein großer Schatz, andere daran teilzuhaben, das anrührendste Geschenk, das man machen könne, meint Karaman: „Eine große Form von Romantik, Zuneigung und Liebe.“ Soweit die schöne Seite.

Puccini löst den
Konflikt nicht auf

Die lebensfremde und gefährliche Seite der Fantasie wird in der Rolle der Mimì deutlich. Sie ist sterbenskrank, ein Fakt, dem sie nicht entfliehen kann, der zur Übernahme von Verantwortung drängt. Und doch zugleich den Wunsch verstärkt, in die Fantasie zu flüchten. Karaman: „Das ist schwer zu ertragen, weil die Frage aufkommt, ob das richtig ist.“ Oder ob es überhaupt möglich sei, die Realität zu negieren, sich der Verantwortung zu entziehen, so Posca. Da kippe das Stück ins Negative, werde erbärmlich. Gleichwohl löse Puccini den Konflikt nicht auf, gebe keine Antwort, werte nicht. Karaman: „Das Dilemma ist unlösbar.“ Die Protagonisten stehen vor der Wahl, erwachsen zu werden oder Kind zu bleiben – und scheitern.

Beim Bühnenbild knüpft Karaman einerseits an die Arte Povera im Italien der 1960er und 70er Jahre an, die sich von der Leinwand löste und den Alltagsgegenständen zuwandte, daraus Kunst schuf. Andererseits greift das Team einen typischen Aspekt des Studentenlebens auf. Posca: „Studenten ziehen oft um.“ Sinnbild dafür ist der Pappkarton, in dem sie ihre Habseligkeiten transportieren. Also leben auch die Künstler sprichwörtlich im Karton. Auf der Bühne ist eine Patchwork-Kunstwelt zu sehen, alles besteht aus Pappe – vom Stuhl, über die Lampe bis zur Wand. Selbst die Kostüme sind aus echten oder echt aussehenden Papierkostümen. Im Gegensatz dazu sind die vier Protagonisten normal heutig gekleidet. Es entsteht „eine interessante Gegenüberstellung von echten Menschen und ihrer Papp-Fantasie-Welt.“ Dargestellt und gesungen werden die vier von Sangmin Jeon (Rodolfo), Ralitsa Ralinova (Musetta) aus dem Ensemble und Li Keng (Mimi) und Aleš Jenis (Marcello) als Gäste. Karaman und Posca freuen sich, über das junge Team. Das passe bestens zum Stück, das um junge Menschen kreise.