Ausstellung: Kunst-Raum wird zur Höhle

Ausstellung : Kunst-Raum wird zur Höhle

Shigeru Takato zeigt Fotoarbeiten beim Neuen Kunstverein.

Die Aufnahme lenkt den Blick aus einer Höhle heraus auf eine Wiese, die durch einen Wald eingerahmt wird. Ein Projektor wirft die Szene auf die abgedeckten Scheiben der Glastür. Tritt der Besucher hindurch, strahlt ihn der Projektor direkt an, so dass er sich geblendet zur Seite wendet. Dort versperrt ihm ein Vorhang den Weg. Dahinter ein dunkler Raum. Wer dieser Tage den Neuen Kunstverein an der Hofaue aufsucht, macht neue Seherfahrungen. Für seine Ausstellung „Höhlen“ hat der Fotograf Shigeru Takato die Galerie in eine Höhle verwandelt.

Matthias Neumann ist Fotograf und Mitglied beim Neuen Kunstverein Wuppertal, kennt seit 15 Jahren den heute in Köln lebenden Fotografen Takato. Er lernte den 1972 im japanischen Ohita geborenen Künstler an der Kunstakademie Düsseldorf kennen, wo dieser nach einem Studium in Neuseeland lernte, weil ihn die Becher-Schule und Thomas Ruff reizten. Zahlreiche Förderungen, Stipendien, Preise und Ausstellungen pflastern den Weg Takatos. In Wuppertal stellt er erstmals aus, weil Neumann sein hohes Niveau schätzt, seine artifizielle, konsequente Art und „weil er sehr konzeptionell arbeitet, was sehr gut hier her passt“.

Für die Ausstellung war Takato mehrere Male vor Ort, entschied schnell, dass der tiefe Raum, der nur eine Fensterfront hat, zur Höhle werden sollte. Erarbeitete aufwendige Aufbauten, die er sorgfältig in Wuppertal montierte. Zu sehen sind fünf 70 mal 90 Zentimeter große Leuchtkästen, die Blicke aus der Schmiechenfelshöhle in der schwäbischen Alb oder der kroatischen Mackova-Höhle gewähren. Beides auch heute noch unberührte Orte. Ihnen gegenüber hängen sechs zirka 13 mal 18 Zentimeter kleine, dunkle Aufnahmen, die sich nur erschließen, wenn man sie anleuchtet. Takato arbeitet analog, ist mit der Großbildkamera unterwegs, wandelt seine Fotos um, macht, wie bei den Höhlenbildern, Dias daraus, oder fotografiert sie, wie bei den kleinen Bildern, ab, versieht sie mit einer Collodiumschicht und bringt sie auf eine Glasfläche auf. Ein überlegtes und präzises Vorgehen, das eine besondere Ästhetik hervorbringt. Neumann: „Wenn er digital arbeiten würde, hätte er es leichter, aber Takato will analog arbeiten.“

Die Frage, was Realität und
was Wahrnehmung ist

Bekannt wurde der Fotokünstler vor allem durch seine Fernsehstudio-Aufnahmen, die er seit zwölf Jahren macht – auch sie sind Serien, „weil er so eine Idee über Jahre verfolgen kann“, erklärt Neumann. Dabei gehe es um das Sakralhafte der medialen Präsentation, die Frage, was Realität, was nur Wahrnehmung, was Fake ist. Takatos Kunst ist politisch. Die Höhlenbilder erweitern diese Serie. Während der TV-Monitor das Fenster ist, durch das die Menschen heute die Welt sehen, waren es früher die Höhlenausgänge. Vor etwa zwei Jahren wandte sich Takato diesen Motiven zu. Neumann: „In der Höhle sehen die Menschen nur die Schatten, wer die Höhle verlässt, ist geblendet, braucht Zeit, um die Realität wahrzunehmen. Wenn er den zurückgebliebenen Menschen davon erzählt, glauben sie ihm nicht, weil er ihre eigene Wahrnehmung in Frage stellt.“ Ein Konflikt um die Wahrheit entsteht. „Es ist beeindruckend, mit welch banalen Mitteln er viele Gedankengänge in Gang setzt“, sagt Neumann. Und ein reizvoller allzumal.

» Die Arbeiten sind noch bis 13, April, do und fr, 17 bis 20 Uhr, und sa, 15 bis 18 Uhr, beim Neuen Kunstverein, Hofaue 51, zu sehen.

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