Kunst ist überall: Kühne Buchstaben im Kreisel

Kunst ist überall : Kühne Buchstaben im Kreisel

Harald Klingelhöllers rätselhafter Block auf der Mittelinsel am Hofkamp.

Wuppertal. „Wie? Das sind Buchstaben?“, sagte gestern eine junge Fahrradfahrerin erstaunt. „Das ist mir noch nie aufgefallen.“ Jeder nickt, dem man diese kleine Anekdote erzählt. Dabei ist die Skulptur im Kreisverkehr Hofkamp/Neuenteich weder neu noch mikroskopisch klein.

Seit April 2008 steht der mattschwarze Polyester-Block auf der Mittelinsel: 2,50 Meter hoch und fünf Meter breit erhebt sich „Whypop“ aus einem schütteren Rasen. 2007 hatte sich Harald Klingelhöller damit an dem Ausstellung-Projekt „Sicht Weisen — Kunst auf der Talachse“ beteiligt.

Zunächst stand der schwarze Buchstabenblock auf dem Dach des Sparkassen-Parkhauses am Islandufer. Aus der Ausstellung heraus hat die Jackstädt-Stiftung ihn über das Von der Heydt-Museum für die Stadt gekauft. Klingelhöller selbst wählte den Standort im Verkehrskreisel aus, der erst während der Ausstellung fertig wurde.

Diese Positionierung fordert den Betrachter doppelt heraus. Es läuft nicht nur die Fahrtrichtung der Autos der Leserichtung für die Worte Why und Pop entgegen. Die eng miteinander verbundenen Großbuchstaben — die einen kantig, die anderen abgerundet — sind zudem von außen spiegelverkehrt, sie wären nur aus der Mitte der Skulptur richtig zu lesen.

Dieser intime Zutritt ins Innere der Skulptur ist aber weder vom Künstler noch von den Verkehrsplanern vorgesehen. Ursprünglich war die Arbeit „aus Ratlosigkeit entstanden“, sagte Klingelhöller damals der WZ. Denn bei der Ausstellung „Sicht Weisen“ sollten die Kunstwerke die Eigenschaften ihres Standorts widerspiegeln — einen endgültigen gab es aber zunächst ja nicht.

Umso erstaunlicher ist, wie überzeugend sinnhaft sich „Whypop“ in sein Umfeld einfügt. „Ein Verkehrsknotenpunkt vor planlos zusammengewürfelter Fassadenkulisse, ringsum Läden im Parterre“, so beschreibt Carmen Klement, Kunsthistorikerin im Von der Heydt-Museum, die Szenerie.

Genau da setzt Klingelhöllers ebenso spielerische wie raffinierte Arbeit mit der Sprache an, seit den 80er Jahren die Quelle seiner Arbeit. Bei ihm verschmelzen die Form der Buchstaben und ihre Botschaft. „Kurze plakative Worte aus dem Englischen — die lakonische Allerweltsfrage ,Why?’ und das Kürzel für Popkultur ,Pop’ - bilden einen gemeinsamen Körper und verbinden Gegensatzpaare unlösbar miteinander: Sinnsuche und Oberflächlichkeit, Zuwendung und Abkehr, Appell und innerer Monolog“, so Carmen Klement. „Die beiden Kernworte scheinen als Frage und Antwort aufeinander Bezug zu nehmen und verfehlen einander zugleich.“

Der 1954 in Mettmann geborene Künstler gehört zu den renommiertesten zeitgenössischen Bildhauern. Er hat einen Lehrstuhl in Karlsruhe und war auf zahlreichen internationalen Ausstellungen vertreten. Sein Kollege Tony Cragg zeigte im Herbst 2013 eine Auswahl von Klingelhöller-Arbeiten im Skulpturenpark.

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