Konzert: Berliner enttäuschen – und begeistern

Konzert: Berliner enttäuschen – und begeistern

Daniel Barenboim und seine Staatskapelle änderten ihr Programm. Jubel gab es trotzdem.

Wuppertal. Der rote Flügel auf weißem Hänger, Wahrzeichen für das Klavier-Festival Ruhr, macht Station vor der Stadthalle. Nein, Daniel Barenboim spielt nicht im Freien - obwohl es aus dem Flügelinneren pianistisch klingt.

"Das ist wohl für die, die keine Karte mehr bekommen haben", witzelt jemand, denn der Große Saal ist ausverkauft. Von den glücklichen Kartenbesitzern aber ist mancher trotzdem enttäuscht. Wer sich nämlich darauf gefreut hatte, gerade die renommierte Berliner Staatskapelle mit ihrer Interpretation von Joseph Haydns wegweisender und stilbildender G-Dur-Sinfonie ("Oxford") zu hören, ist über die unbegründete Programmänderung nicht eben begeistert.

So präsentieren die Berliner mit und unter Daniel Barenboim ein reines Mozart-Programm - das freilich auf höchstem Niveau. Vom Flügel aus leitet Barenboim, Dirigent des Ensembles seit 1992 und auf Lebenszeit, das B-Dur-Klavierkonzert aus Mozarts Todesjahr. Sehr subtil und mild formuliert Barenboim sowohl seinen Klavierpart als auch sein Dirigat. Die raffinierte Struktur des Kopfsatzes - aus winzigen Motiven entwickeln sich singende Themen, die wie im Kaleidoskop schillernd verwirbeln - vermittelt das kongruente Mit- und Ineinander von Klavier und Orchester vorzüglich.

Reiche Klangfarben, überraschende Modulationen und Wechsel der Tonarten stellen die Musiker in feinsten dynamische Schattierungen vor. Transparentes Spiel ist Träger melancholisch-lyrischen Ausdrucks. Sehr schlicht und abgeklärt und doch reich an Spannung spielt Barenboim das romantische Larghetto, atemberaubende Klangschönheit überhöht Trauer und Resignation. Liedhaft ist das Thema des Finalsatzes, in Wuppertal wird es mit Spielfreude und in perfektem Miteinander dargeboten.

Die "Jupiter"-Sinfonie in leuchtendem C-Dur (KV 551) soll mit ihrem Beinamen wohl Assoziationen zur Strahlkraft und Majestät des Götterfürsten wecken. Denn die Komprimierung der Themen, die melodische Fülle, die Verbindung von Homophonie und Polyphonie scheinen den Gipfel der klassischen Sinfonie zu bilden.

Die Berliner spielen die festliche und heitere Musik leicht in Solopassagen, denen sie jubilierende, machtvolle, aber niemals brutal akzentuierte Tutti entgegen setzen. Das atmet in jedem Takt reine Lebensfreude, etwa im tänzerischen Menuett, das das dunklere, von Moll-Episoden durchzogene "Andante cantabile" kontrastiert.

Wie aus dem Nichts lässt Barenboim das Dreiklang-Thema aufkeimen und setzt auf ein sehr mäßiges Tempo, was jedoch einen etwas spannungsarmen Mittelteil beschert. Komprimiert und schwungvoll beschließt das Orchester das Finale, polyphone Satztechnik und Sonatensatzform pflegen eine spielerische Symbiose.

Das Publikum ist restlos entzückt: Stehende Ovationen und lautes Bravo belohnen den Vortrag und entschädigen die meisten für die entgangene Haydn-Sinfonie.

Mehr von Westdeutsche Zeitung