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Kinder tanzen sich in den Schulalltag

Kinder tanzen sich in den Schulalltag

Kultur am Vormittag bringt auch Kinder von Flüchtlingen zum Strahlen — und hilft beim Eingewöhnen.

Wuppertal. Ein bisschen skeptisch, ein bisschen traurig gucken die 13 kleinen Jungen und Mädchen. Doch als Tanzlehrer Udo Sträßer die schwungvolle kubanische Musik anstellt, stellen sich die Kinder der Seiteneinsteigerklasse im Kreis auf, schwenken die Arme — und strahlen über das ganze Gesicht. Auch die drei rumänischen Mädchen, die erst seit ein paar Tagen in der Klasse sind und noch kaum deutsch sprechen, sind aufmerksam dabei. Sie gucken sich die Bewegungen ab und bekommen nebenbei schnell mit, was die Wörter rechts und links bedeuten.

Klassen für Kinder mit Migrationshintergrund „gibt es seit 30 Jahren“, sagt Dorothée Reineke, Leiterin der Gemeinschaftsgrundschule Opphofer Straße. Weil aber mehr Flüchtlinge in die Stadt gekommen sind, gibt es nicht mehr insgesamt fünf Seiteneinsteigerklassen wie vor zwei Jahren, sondern 22. Hier werden Kinder zwischen sieben und zehn Jahren für den deutschen Schullalltag fit gemacht.

Die Eingewöhnung klappt besonders leicht und spielerisch bei Kultur am Vormittag — bei diesem Dauerprojekt gestaltet ein Künstler einmal in der Woche eine Stunde mit Grundschülern, mehr als 1500 sind es im Stadtgebiet.

Das Projekt läuft so gut, dass die Winzig-Stiftung, die dies neben anderen finanziert und organisiert, kaum hinterherkommt. Die Organisation ist dabei keineswegs das Problem. „Die Anfragen sind da, die geeigneten Künstler sind da — seitdem wir 2011 in das Projekt eingestiegen sind, hat es sich auf 67 Klassen verdoppelt“, sagt der Unternehmer und Stiftungsvorstand Rüdiger Theis, der die Winzig-Stiftung 2002 gegründet hat.

„Das ist wirklich großartig. Doch die Anzahl der Klassen ist zuletzt schneller gewachsen als der Förderkreis“, sagt Theis. Er hofft daher, dass sich noch weitere Firmen und Privatleute für die Kultur am Vormittag engagieren.

In der Opphofer Straße sollen nun einzelne Kinder im Kreis Bewegungen vormachen, die die anderen übernehmen. Ein Junge ist verlegen, zuckt die Schultern. Na gut, dann zucken eben alle die Schultern im Rhythmus der Musik. Der Tänzer Udo Sträßer beteiligt sich seit gut zehn Jahren mit Unterrichtsstunden an dem Projekt. Ein bisschen schwieriger sei es schon mit den Seiteneinsteigern, weil sie noch nicht so gut deutsch können: „Ich muss langsamer sprechen, mehr auf die Kinder eingehen.“

Dafür seien deutsche Kinder wegen ihrer Handys und Computer oft unkonzentrierter als früher. Doch er ist sich mit Dorothée Reineke einig, dass das Kultur-Konzept gut greift: „Schauen und aufmerksam aufeinander zugehen.“

Schüler aus sieben Ländern — aus Osteuropa bis zur Ukraine, aus Tunesien, Syrien und Italien — gehen gemeinsam in diese Klasse, „theoretisch sind auch alle alphabetisiert“, sagt Dorothée Reineke. Sie lernen verblüffend schnell: „Nach acht Wochen können wir uns mit ihnen unterhalten.“ Es ist jedoch nicht zu übersehen, dass die Kinder solche Bewegungen nicht gewöhnt sind. Zwei Sachen gleichzeitig umzusetzen, fällt vielen schwer. Doch sie entspannen sich sichtlich beim Tanzen.

Hinterher sagt der zehnjährige Maffan aus Syrien aber doch, er spiele „eigentlich lieber Fußball“. Seine neunjährige Schwester Leial hat sich westlichen Vorstellungen schon recht weit angenähert und fragt: „Wenn wir in der Zeitung stehen, sind wir dann ein Star?“