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Kartenkontrolle im Opernhaus: Jubel für den „Fensterputzer“

Kartenkontrolle im Opernhaus: Jubel für den „Fensterputzer“

Wer sagt denn, dass Aufgewärmtes zäh schmecken muss? Die Neueinstudierung überzeugte — und mundete dem Publikum.

Wuppertal. So ein Käse: Ein belegtes Brot lässt stundenlang auf sich warten. Dabei hat es der Herr aus der vordersten Reihe nur deshalb bestellt, weil er gefragt worden war, ob er kulinarische Gelüste habe. Das hat er nun davon: Zwei Stunden muss er warten, bis das in Aussicht Gestellte endlich seinen Sitzplatz erreicht.

Im normalen Leben hätte das den Kellner oder Koch vermutlich den Job gekostet. Im Opernhaus hingegen gibt es dafür satten Applaus. Das Tanztheater Wuppertal gibt sich ja auch gastfreundlich, serviert ein imposantes Szenen-Menü und wärmt bereits Dagewesenes in frischer Form auf: „Der Fensterputzer“ wird als Neueinstudierung aufgetischt — fünf Jahre nach der letzten Aufführung in Wuppertal, zwei Jahre nach dem Tod der großen Choreographin Pina Bausch. Das Publikum dankt auf seine Weise: Quasi als Dessert gibt es stehende Ovationen.

Bevor gejubelt wird, formulierte Fernando Suels Mendoza aber erst einmal ein eindeutiges Angebot: „Was möchten Sie trinken?“ Und schon hat der Ensemble-Tänzer alle Hände voll zu tun: Er spielt einen Kellner, bringt auserwählten Gästen auf Wunsch Wasser oder Brot, flitzt hinter die Kulissen, taucht mit dem Bestellten wieder auf. Als „Wasserträger“ ist er in seinem Element, als ginge es um sein eigenes Leben — und nicht bloß um die Frage: „Weißwein oder Rotwein?“

Am Ende ist in der Barmer Theaterwelt dann doch vieles wie im realen Leben: Mal wird man geherzt, von vorne bis hinten bedient und behandelt wie ein rohes Ei, dann wieder angeschrien, zurechtgewiesen oder umschifft wie ein fauler Käse.

So lohnt sich „Der Fensterputzer“ schon allein wegen Mechthild Großmann, die im dreistündigen Programm mit ihrer tiefen, rauchigen Stimme für mehrere Höhepunkte sorgt, obwohl oder gerade weil sie einige Gäste in Angst und Schrecken versetzt. Die Schauspielerin, die schon bei der Uraufführung 1997 dabei war und längst als TV-Staatsanwältin im „Tatort Münster“ Verbrecher jagt, leuchtet so Respekt einflößend mit einer Taschenlampe in den Saal, dass genau dort niemand Widerworte geben möchte.

Am Anfang klingt es noch höflich („Könnte ich bitte Ihre Eintrittskarte sehen?“), zwischendurch wird der Ton rauer („Ihre Karte! Meinen Sie, das wird heute noch etwas?“), zum Schluss ist auch der Allerletzte aufgeschreckt: „Haben Sie die letzten fünf Minuten nicht zugehört?!“

Das Spiel mit dem Publikum beherrscht das Ensemble noch genauso perfekt wie vor 14 Jahren. An diesem Abend ist jedoch Einiges anders: Damiano Ottavio Bigi, Ales Cucek und Clémentine Deluy ersetzen Bernd Marszan, Stephan Brinkmann und Chrystel Guillebeaud, die inzwischen nicht mehr zum Ensemble gehören. Auch Tsai-Chin Yu, seit 2008 bei der Kompanie, ist im Einsatz.

Die Neuen fügen sich nahtlos ein — mit großartigen Solo-Tänzen, aber auch mit herzerfrischenden Ensembleszenen, in denen die insgesamt 23 Akteure das ewige Spiel des Gebens und Nehmens, der Annäherung und Abstoßung augenzwinkernd zelebrieren — heiter-aggressive Kissenschlachten und fröhliche Rutschpartien auf einem Blütenberg inklusive.

Dabei entpuppt sich das Stück — eine Koproduktion mit Hongkong — nur vordergründig als eine Reise nach Asien. Denn bei aller Komik: Am Ende geht es um die Wurst — um die Chancen und Grenzen zwischenmenschlicher Beziehungen. Und nur wer im Großstadt-Dschungel einen langen Atem hat, gelangt ans Ziel. Also zu Käsebrot, Eintrittskarten oder gar der großen Liebe.