Joachim Dorfmüller ist der Wuppertaler Lutherkirche seit 60 Jahren treu

Dienstjubiläum : Joachim Dorfmüller ist der Lutherkirche seit 60 Jahren treu

Seit seinem Abitur ist der heute 80-Jährige Organist – und führt immer noch ein aktives Konzertleben.

Joachim Dorfmüller hat gerade sein Dienstjubiläum gefeiert: Seit 60 Jahren ist er Organist der Lutherkirche. „1959 wurde ich vier Wochen nach dem Abitur gefragt, ob ich die Stelle übernehmen könnte“, erinnert sich der 80-Jährige. Da hatte er gerade die Aufnahmeprüfung für das Schulmusikstudium in Köln bestanden. Er sagte gerne zu und verdiente sich dadurch ein Zubrot fürs Studium.

Erfahrung an der Orgel hatte er da schon vorzuweisen: Mit zehn Jahren spielte der Sohn eines Organisten das erste Mal im Gottesdienst, mit zwölf Jahren sprang er spontan ein, als an der Thomaskirche in Leipzig bei einer Trauung der Organist fehlte. Der Vater brachte ihm die wichtigsten Choräle und Stücke bei. „In den Sommerferien habe ich immer vier Wochen lang Beerdigungen gespielt und bin mit diesem Taschengeld dann zwei Wochen weggefahren“, erinnert sich Dorfmüller.

Zu seiner festen Stelle gehörte neben dem Haupt- und dem Kindergottesdienst auch die Leitung des Kirchenchores. „Dabei hat mich der Kantor Winfried Pesch sehr unterstützt“, lobt Dorfmüller. Parallel lernte er im Studium theoretisch die Chorleitung und in Barmen praktisch. Später übernahm er auch noch den Männerchor der Textilfabrik Homberg.

Was der vielbeschäftigte Musikpädagoge, Professor und Musiker später auch unternahm: Die Stelle an der Lutherkirche behielt er immer bei. „Ist ja gleich um die Ecke“, sagt der Musiker, der auf dem Heidter Berg wohnt, und baut all seine Aktivitäten um den Sonntagvormittag herum. Während der Dissertation etwa habe er montags und dienstags am Gymnasium in Wuppertal unterrichtet, dann von Mittwoch bis Freitag in Marburg an seiner Doktorarbeit geschrieben. Freitagabends spielte er in Marburg in einer Studentenkneipe vier Stunden lang Boogie-Woogie. „Da gab es eine Frikadelle mit Brötchen, eine Cola und eine Mark die Stunde.“ Nachts fuhr er zurück nach Wuppertal, um am nächsten Morgen um 8 Uhr wieder zu unterrichten. Nachmittags orgelte er bei Trauungen und am Sonntag gestaltete er den Gottesdienst.

Ein Grund für seine Treue zur Kirchengemeinde: Er hat die Orgel dort mit konzipiert. „Bei der alten Orgel funktionierten von 48 Registern nur noch fünf“, erzählt er. Regelmäßig musste er Teile reparieren und fand dabei tote Ratten und Katzen. Einmal entdeckte er sogar ein Paket unter dem Blasebalg – sein Vorgänger hatte dort während der Nazi-Herrschaft Orgelsonaten des verfemten Felix Mendelssohn-Bartholdy versteckt. 1964 beschloss die Kirchengemeinde dann den Kauf einer neuen Orgel bei Alfred Führer in Wilhelmshafen. Dorfmüller überlegte, welche Register dafür nötig seien und erarbeitete das Konzept gemeinsam mit Pesch und den Orgelbauern. Stolz ließ er 1966 bei der Einweihung die 2500 neuen Pfeifen erklingen.

Nur während seiner Reisen lässt sich Dorfmüller im Gottesdienst vertreten. Trotz seiner 80 Jahre führt er weiterhin ein intensives Konzertleben: So gestaltet er demnächst eine Tournee durch Sachsen und Thüringen mit zwölf Konzerten in 15 Tagen. Später reist er nach Norwegen, für dessen Musik er Spezialist ist. Auch verschiedene Uraufführungen hat er für die nächsten Monate geplant.

Anekdoten hat der Organist reichlich erlebt in seiner langen Tätigkeit: „Einmal gab es nur eine Braut – der Bräutigam saß noch im Gefängnis und durfte nicht raus“, erzählt Dorfmüller. Ein anderes Mal hatte der Trauzeuge die Eheringe auf einer Restauranttoilette liegen lassen; die Polizei suchte den Wirt und brachte die Ringe schließlich mit Blaulicht. Aufregend war für Dorfmüller auch ein Konzert im berühmten Straßburger Münster. Dort war die Tür defekt und der Organist hoch auf der Empore eingeschlossen. In seiner Verzweiflung warf er Zettel mit mehrsprachiger Bitte um Hilfe in die Kirche hinunter. Ein Tourist holte daraufhin den Küster. Aufhören will Joachim Dorfmüller jedenfalls nicht: „So lange es noch geht, mache ich weiter.“

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