Jazz-Trompeter Till Brönner kommt nach Wuppertal

Musik : „Jazz ist eine Sprache unabhängig von Nationalität und Herkunft“

INTERVIEW Jazz-Trompeter Till Brönner tritt am 1. Dezember in der Stadthalle auf.

18 Alben hat Till Brönner seit seinem Karrierestart Anfang der 1990er veröffentlicht. Eines davon ist nicht nur sein erfolgreichstes, sondern auch ein Dauerbrenner: das 2007 erschienene „Christmas-Album“ mit Curtis Stigers und Yvonne Catterfeld als Gaststars. Am 1. Dezember tritt der Jazz-Trompeter in der Historischen Stadthalle mit seinem Weihnachtsprogramm auf.

Ab November sind Sie auf „Better Than Christmas-Tour“. Die Weihnachtsklassiker sind schon unendlich oft neu interpretiert worden. Was reizt Sie daran, ihnen noch einmal Ihren ganz eigenen Stempel aufzudrücken?

Till Brönner: Es geht letztendlich um die Interpretation und die Identität des Künstlers, die da mit hineinfließt. Denn es ist ja in der Regel Material, auf das man sich dabei bezieht, das die ganze Welt schon kennt. Wenn Sie beispielsweise ein Gebet wie das „Vater Unser“ nehmen, macht die Art, wie es von einem bestimmten Schauspieler oder Sprecher vorgetragen wird, den entscheidenden Unterschied. In dem Augenblick scheint sehr viel von der Persönlichkeit des Interpreten durch, denn man muss sich nicht mehr auf den Inhalt konzentrieren, den man bereits kennt. Da können ein Text oder ein Lied, etwas, das man schon vielfach gehört hat, noch einmal ganz neue Dimensionen erreichen.

Wie nähern Sie sich dieser Aufgabe?

Brönner: Fairerweise muss man sagen, jeder Künstler geht anders vor. Bei mir ist es so, dass ein Stück etwas über mich aussagen muss. Sei es, wie ich denke, sei es wie ich fühle. Wenn ich mich solchermaßen darin wiederfinde, versuche ich durch die Version, die ich anfertige, meine Persönlichkeit noch zu stärken. Ob das gelingt, zeigt sich erst später. Aber es macht auf jeden Fall unglaublich Spaß.

Sie sind seit einiger Zeit zusammen mit Dieter Ilg in einer spannenden Minimalbesetzung auf Tour. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Brönner: Das Duo gibt es schon seit rund zehn Jahren. Aber irgendwie kamen wir nie an den Punkt, damit auch einmal ins Studio zu gehen. Letztendlich war es das Publikum, das immer wieder nach einem Album gefragt hat, nachdem es uns zusammen im Konzert gesehen hat. Wir haben eine Weile gebraucht, aber jetzt sind wir glücklich darüber, dass wir uns dazu haben durchringen können.

Kürzlich hat die Öffentlichkeit auch eine ganz andere Seite von Ihnen kennen gelernt, als Fotograf. Was hat Sie gereizt, sich mit dem Ruhrgebiet und den Menschen, die dort leben, auseinanderzusetzen?

Brönner: Beim Ruhrpott oder besser bei „Melting Pott“, so heißt das Projekt, war es nicht so, dass ich die Idee hatte, Mensch – das müsste ich jetzt einfach mal machen. Vielmehr bekam ich einen Anruf von der Brost-Stiftung aus Essen, die sich schon seit ihrer Gründung dafür einsetzt und bin eingetaucht in eine Region, die – das darf ich heute sagen – mir mittlerweile wirklich ans Herz gewachsen ist. Die gleichzeitig aber auch für etwas steht, wovon sich Gesamtdeutschland noch eine Scheibe abschneiden kann. Die Menschen im Ruhrgebiet sind so erfahren im Zusammenleben auf engstem Raum. Nicht jede Region hat Lösungsansätze für Integrationsfragen so weit entwickelt, wie die Bewohner dort.

Als Professor für Musik unterrichten Sie Jazz-Trompete. Wie steht es um den Jazz-Nachwuchs hierzulande?

Brönner: Ehrlich gesagt, mache ich mir um den Nachwuchs keine Sorgen. Es ist erstaunlich, wie die jungen Musiker sich dafür begeistern und zum Teil sogar über ein erstaunliches Wissen verfügen.

Lassen Sie uns noch einen Blick auf die Jazz-Szene insgesamt in Deutschland werfen. Mir scheint, da ist noch sehr viel Luft nach oben?

Brönner: Das ist eine wichtige Frage. Ich glaube, dass die Welt generell mit Jazz aus Deutschland nie wirklich gerechnet hat und es bis heute auch nicht tut. Das hat Gründe, die tief in der Mentalität verwurzelt liegen, die als Deutsch bezeichnet werden kann und andererseits damit, dass wir uns mit anderen Dingen einen Namen gemacht haben. Im Verlauf der Jahrzehnte ist Jazz zu einer Sprache geworden, die man unabhängig von Nationalität und Herkunft sprechen kann. Die Förderung von Jazz ist flächendenkend eigentlich immer gut gewesen in Deutschland. Da sind wir fast schon weltweit führend, zumindest, wenn es um den Nachwuchs geht. Was der Nachwuchs allerdings hierzulande nicht hat, sind genügend professionelle Anlaufstellen. Deshalb kämpfe ich seit 15 Jahren dafür, dass in Berlin das House of Jazz gebaut wird, unterstützt von den Jazz-Verbänden und Gewerkschaften. Das muss es für eine Musik, die längst so europäisch wie amerikanisch ist und viele Wurzeln in Europa hat, als Institution geben.

Mehr von Westdeutsche Zeitung