Ist „Chouwenien“ nicht überall?

Ist „Chouwenien“ nicht überall?

TalTontheater feiert Premiere der Komödie „Venedig im Schnee“.

„Man muss nur wissen, wie weit man gehen kann“, warnt Christophe (Moritz Heiermann) in einer Szene Patricia (Tabea Schiefer) — aber da ist das Geschehen schon längst außer Kontrolle geraten. Gleichwohl trifft der Satz die Geschichte von „Venedig im Schnee“ ziemlich genau. Die Erfolgskomödie des französischen Autors Gilles Dyrek feierte am Wochenende Premiere im TalTontheater. Mit insgesamt vier spielfreudigen Akteuren, die sich auf der kleinen Bühne in der ehemaligen Gold-Zack-Fabrik immer mehr ineinander verhakten und einem Publikum, das dies mit viel Lachen und Beifall verfolgte.

Die Ausgangslage ist schnell erzählt: Jean-Luc (Denny Pflanz) und Nathalie (Daniela Stibane) haben Christophe und Patricia in ihre kleine Wohnung eingeladen. Während die Gastgeber turteln, was das Zeug hält, sind ihre Gäste im Streitmodus, es herrscht Eiszeit. Patricias Schweigen wiederum führt zu dem grundlegenden Missverständnis, sie sei Ausländerin. Während sich Jean-Luc und Nathalie rührend um Verständigung bemühen, gewinnt Patricia Gefallen an der Rolle des armen Flüchtlings. Christophe verfolgt ihr Spiel ungläubig wie hilflos. Er verpasst den richtigen Moment für die Wahrheit, gibt sich geschlagen und schwenkt auf das bitterböse Spiel seiner Partnerin ein. Die Gesellschaftssatire entlarvt menschliche Schwächen und Beziehungsstereotype ebenso wie Vorurteile gegenüber Ausländern und die selbstlose Mildtätigkeit unserer satten Welt.

Regisseur Benjamin Breutel inszeniert die Komödie, die vor allem nach der Pause an Dynamik gewinnt, mit viel Sinn für Wortwitz und Situationskomik. Es macht einfach Spaß zu verfolgen, wie die „Chouchou“-Süßholzraspelei der Gastgeber zur spontanen Verortung Patricias im osteuropäischen Chouwenien samt lustvoll intonierter Phantasiesprache führt. Symptomatisch ist der Kampf um die Schneekugel, in der es beim Schütteln über Venedig „schneit“ und die der Komödie den Titel gibt. Jean-Luc hat sie seiner Angebeteten geschenkt und will sie nun dem armen Chouwenien schenken.

Während die Gäste ihre gute Laune und ihre Zuneigung wieder finden, gerät das scheinbar feste Beziehungsgerüst der Gastgeber samt anstehender Hochzeitsplanungen ins Schwanken. Ein Hakenschlagen folgt dem nächsten, der Spaß am temporeichen, Spenden getriebenen Leerräumen der Wohnung steigt — auf und vor der Bühne. Bis am Ende die Wahrheit krachend eine rundum unterhaltsame Aufführung beendet.

Mehr von Westdeutsche Zeitung