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„Iphigenie auf Tauris“: Taktgefühl im Tanztheater

„Iphigenie auf Tauris“: Taktgefühl im Tanztheater

Dirigent Jan Michael Horstmann ist dem Pina-Bausch-Stück seit 20 Jahren treu.

Wuppertal. Ein Auftritt im Barmer Opernhaus? Für Jan Michael Horstmann ist das Gefühl, zu Hause den Takt anzugeben, immer noch durch nichts zu ersetzen — auch wenn der Dirigent längst die weite Welt gesehen hat. „So schön es auch ist, in Rom oder Rio zu gastieren — eine Vorstellung in Wuppertal ist einfach etwas ganz Besonderes“, betont der musikalische Weltenbummler. „Ich bin ja quasi im Barmer Opernhaus groß geworden.“

Und genau dorthin, an die Wiege seiner künstlerischen Karriere, zieht es ihn nun auch wieder zurück. „Iphigenie auf Tauris“ macht’s möglich: Seit 20 Jahren hält Horstmann der legendären Pina-Bausch-Choreographie die Treue.

Doch wenn er heute Abend im Opernhaus wieder den Taktstock schwingt, sei das alles andere als eine lästige Pflicht oder langweilige Routine. „Es ist aufregend, mit dem Tanztheater Wuppertal zusammenzuarbeiten. Das ist eine schöne Abwechslung von meinem sonstigen Alltag“ — und das ist nur die halbe Erklärung. Denn das Wechselspiel mit Tänzern ist für den Dirigenten immer wieder eine Herausforderung. Zumal „wir ja mittlerweile auch eine neue Iphigenie haben“.

Eintönig wird es also schon deshalb nicht, weil das Sinfonieorchester und der Chor der Wuppertaler Bühnen auf zwei verschiedene Titelfiguren treffen: Ruth Amarante gibt Iphigenie heute und morgen ein Gesicht, Clémentine Deluy löst sie am Montag und Dienstag ab.

Und auch wenn die Besetzungen in Einzelfällen in all den Jahren wechselten, ist einer geblieben: Jan Michael Horstmann ist nach wie vor begeistert — von diesem ganz speziellen Stück, aber auch ganz allgemein vom Tanztheater. „Meine Mutter war Balletttänzerin. Der Tanz hat mich schon immer fasziniert.“ Die Musik allerdings auch. Dass er heute beides taktvoll verbinden kann, erfüllt ihn nach wie vor mit Freude. Und so klingt es auch nicht (nur) wie beste Eigenwerbung, wenn Horstmann in den höchsten Tönen von „Iphigenie auf Tauris“ schwärmt: „Es ist eine unglaublich schöne Musik.“

Wobei eines nicht zu überhören ist: Dem musikalischen Leiter ist nicht nur die Komposition von Christoph Willibald Gluck ans Herz gewachsen. Angetan hat es ihm vor allem die Choreografie von Pina Bausch: „Sie ist aus einem Guss. Das Stück hat eine solche Kraft und Archaik. Und eineDynamik und Dramatik, die immer noch modern ist.“

Dynamisch ging einst auch die Gründerin des Wuppertaler Tanztheaters auf den aufstrebenden Musiker zu: An die erste Begegnung mit Pina Bausch erinnert sich Horstmann noch ganz genau. „Das war auf dem Parkplatz am Opernhaus. Pina sagte zu mir: ,Sie sind 23 — und dürfen schon die Iphigenie dirigieren?!’ “

Horstmann lacht — und denkt auch nach zwei Jahrzehnten noch gerne an die ersten Tage und Wochen mit „Iphigenie auf Tauris“ zurück. „Ich war jeden Tag bei den Tanzproben dabei. Ich hätte mir auch einfach ein Metronom hinstellen können. Aber ich wollte die Atmosphäre aufsaugen, auch die leisen Töne mitbekommen und die genauen Übergänge kennenlernen.“

Schließlich ist die Zusammenarbeit mit Tänzern eine ganz andere als mit Sängern. „Durch die Oper bin ich gewohnt, die Tagesform der Künstler zu spüren und den Kontakt zur Bühne zu halten“, erklärt Horstmann. „Beim Tanz ist man aber noch viel mehr vom Tempo und den Spannungsbögen der Darsteller abhängig. Auch als Dirigent hat man zwar eine Tagesform — ist mal ruhiger, mal emotionaler. Ich stelle das beim Tanztheater aber sehr gerne zurück — ich mag es, Diener des Werks zu sein.“ Weshalb den „Diener“ speziell „Iphigenie auf Tauris“ nie losgelassen hat? „Das hängt nicht zuletzt mit Pina zusammen. Sie hatte ein untrügliches Gespür für musikalische Farben, Bögen und Zusammenhänge. Ich habe von ihr unglaublich viel gelernt. Davon zehre ich heute noch — auch an anderen Häusern.“

Denn auch wenn der Mann für jede Ton- und Tanzart vor acht Jahren Generalmusikdirektor des Mittelsächsischen Theaters Freiberg und Döbeln wurde: Sein Taktgefühl spielt er immer noch am liebsten in Barmen aus. Und wenn sich Jan Michael Horstmann heute um 19.30 Uhr zurückmeldet, genießt er vor allem eines: „Die Sturmmusik direkt zu Beginn — schon der Anfang ist phänomenal!“