Inklusives Theater: „Wie viele Normalitäten gibt es?“

Inklusion : Inklusives Theater: „Wie viele Normalitäten gibt es?“

Inklusive Gruppe zeigt am Samstag das Stück „Ich bin ein Prinz – Normalität 3-5“ im Theater am Engelsgarten.

Gibt es eine Normalität? Oder gleich mehrere? Wer legt fest, was normal ist und was nicht? Und wie definieren wir überhaupt „Normalität“? Aus Fragen wie diesen entstand in sechsmonatiger Probenarbeit die Musik-Tanz-Theater-Produktion „Ich bin ein Prinz“, die den passenden Untertitel „Normalität 3-5“ trägt. Am Freitag wurde das Stück im Dortmunder Theater im Depot uraufgeführt, am Samstagabend zeigt das Ensemble seine Produktion im Theater am Engelsgarten.

„Es geht um die Frage, wie viele Normalitäten es gibt und wie unterschiedlich sie sind“, so Ute Völker, die das Ensemble zusammengestellt hat, das Projekt koordiniert und auch selbst mit ihrem Akkordeon auf der Bühne steht. Es gehe um einen Blick über den eigenen Tellerrand: „Was passiert, wenn ich mal einen Schritt rausgehe? Was ist da?“ Nicht nur die vermeintliche Normalität wird dabei beleuchtet, sondern auch ihre Gegenteile: Das Verrückte, Verwirrte, das Sonderbare und der Wahnsinn. Dabei soll an den Vorurteilen gerüttelt werden, die den Personen gegenüber bestehen, denen oft irgendeine Art von Verrücktsein zugeschrieben wird.

Kein fertiges
Drehbuch

Mit Zuweisungen dieser Art kennen sich die Darsteller bestens aus: Die Hälfte der zehn durchweg bühnenerfahrenen Ensemblemitglieder aus Wuppertal und Bochum sind Menschen mit geistigen Behinderungen, „die sich als Künstler verstehen und das auch sind“, wie es Ute Völker beschreibt. „Es ist kein pädagogisches, sondern ein künstlerisches Projekt.“ Darauf lege sie besonderen Wert. Der Begriff „inklusiv“ soll dabei eigentlich nebensächlich sein, denn die Behinderungen der Mitwirkenden spielen in ihrem künstlerischen Schaffen keine Rolle – und wer bestimmt eigentlich, wer von der „Normalität“ abweicht?

„Ich bin ein Prinz“ hat kein fertiges Drehbuch. Das Stück wurde von den Mitwirkenden in einem gemeinsamen assoziativen Prozess erarbeitet. Jakob Fedler, der für das Schauspiel Wuppertal im letzten Jahr Jean Genets „Die Zofen“ inszeniert hat, übernahm die Regie und sammelte die skurrilen, melancholischen und komödiantischen Ideen und das daraus entstandene Material, das anschließend gemeinsam mit dem Ensemble zusammengesetzt wurde. „Das heißt allerdings nicht, dass es ein abgeschlossenes Stück ist“, so Ute Völker. Es gebe keine fortlaufende Handlung, das Ensemble nähere sich dem Thema Normalität in einer Collage gleichwertig nebeneinanderstehender Bausteine auf verschiedene Weisen, die den Vorlieben und Stärken der Darsteller entsprungen sind: durch Bewegung, Sprache – und auch durch Musik.

Das szenische Geschehen wird von verschiedenen musikalischen Beiträgen ergänzt, von experimentellen Klängen über Opernarien, die Wahnsinn und Leidenschaft ausdrücken, bis hin zu rhythmischen und atmosphärischen Sounds der inklusiven Band Studio 14, die von Björn Krüger und Claudia Schmidt geleitet wird. Musik und Theaterspiel unterstützen sich dabei gegenseitig, kommentieren einander.

Beteiligt an der musikalischen sowie darstellerischen Unterstützung des Ensembles sind einige bekannte Wuppertaler Musiker und darstellende Künstler der freien Szene, darunter die Sopranistin Dorothea Brandt, die Violinistin Gunda Gottschalk, der ehemalige Pina Bausch-Tänzer Kenji Takagi und Wolfgang Suchner vom theatre du pain.

„Es ist ein außergewöhnliches Stück“, fasst Ute Völker zusammen. Wer die vermeintlich Verrückten und die angeblich Normalen sind, soll nach diesem Abend nicht mehr eindeutig sein – und den Zuschauern soll klar werden, dass das vielleicht auch nie eindeutig war.