Im Schatten der skurrilen Lichtgestalt

Im Schatten der skurrilen Lichtgestalt

Viel Applaus für „Käthe Hermann“: Das Stück ist mehr als ein Familiendrama.

Wuppertal. Sie ist die Übermutter schlechthin: Käthe (Sophie Basse) thront auf einem Podest, das man nicht sieht, weil ihre skurrile Statur alles andere verdrängt. Die selbst ernannte Lichtgestalt trägt ein schwarzes Kleid, das die komplette Bühne ausfüllt, bezeichnenderweise aber auch nicht düsterer sein könnte. Wie eine stahlhart verankerte Statue steht sie da — mit ungebrochenem Stolz, wahnwitzigen Visionen und weit geöffneten Armen. Paradoxer geht es kaum: Tochter Irmi (Anne-Catherine Studer), die ihre Mutter in liebevoller Verzweiflung umarmen möchte, kann sich höchstens an deren überdimensionalen Rockzipfel klammern. Zu weit ist das Kleid, zu unnahbar das dominante Familienoberhaupt.

Die Kulisse, mit der Dorien Thomsen (Bühne und Kostüme) im Kleinen Schauspielhaus den Boden für einen großen Theaterabend bereitet, ist grandios — und macht aus „Käthe Hermann“ einen Kampf à la „David gegen Goliath“. Denn Käthes Kinder wirken wie Zwerge gegenüber der Mutter, die ihr Leben lang ihnen zuliebe Opfer brachte und nun ihre große Zeit gekommen sieht. Sie möchte eine späte Weltkarriere als Primaballerina starten — just in dem Moment, in dem eine Zwangsumsiedlung droht.

Wegen des Braunkohle-Abbaus soll das ungleiche Trio umziehen, doch Witwe Käthe will die Wohnung nicht verlassen und hat sie aus Protest sogar noch renovieren lassen. Immer vehementer versucht sie, sich der unabwendbaren Veränderung mit festen Ritualen zu widersetzen: Der gelähmte Sohn Martin (Lutz Wessel) ist für den Plattenspieler, Tochter Irmi für das Licht zuständig — während Käthe aus dem Wohnzimmer eine Bühne macht.

Apropos: Die Bühne, auf der Regisseur Jakob Fedler einen dichten Abend spinnt, der mit ausgewogener Balance Tragik und Komik vereint, ist schlichtweg verblüffend — verblüffend überschaubar, aber auch verblüffend symbolisch.

Denn Thomsen und Fedler spitzen Anne Leppers Groteske angemessen zu: Das Familientrio hockt pausenlos aufeinander, kann aber trotzdem keine richtige Nähe aufbauen. Immer wieder ist eine große Distanz zwischen den schrägen Revoluzzern zu spüren, die jedoch Entscheidendes gemeinsam haben: Sie flüchten in Illusionen — jeder auf seine Weise.

Während Irmi ihrem Sohn nachtrauert, den sie einst ausgesetzt haben soll, und sich nun hoffnungsvoll ausmalt, wann er sie wiederfinden könnte, will der gelähmte Martin ein anderer sein. Lutz Wessel versieht den Krüppel, der Sex-Fantasien hat und sich zugleich wie ein kleines Kind an seine Mutter schmiegt, mit erfreulich vielen Facetten — und lässt ihn nicht zu einem Muttersöhnchen verkommen, das naiv alle Träumereien glaubt. Der Reiz des Stücks liegt ohnehin darin, dass der Zuschauer nie ganz weiß, was nun stimmt — und was nicht.

Dabei zeigt Lepper die Familie als Keimzelle der Gesellschaft. Am Rande des Wahns ist nichts bezeichnender als die Tatsache, wie schnell Herzlichkeit in Härte umschlagen kann — und wer sich wann mit wem verbündet.

Fedler arbeitet bei allem Seelenschmerz auch den Witz heraus: Inmitten der größten Tragik lässt er seine Schauspieler Schlager und Evergreens („Ein Freund, ein guter Freund “) singen, also von Heiterkeit und Harmonie schwärmen. Verstörend-verräterrisch ist indes die Sprache, mit der sich die Figuren ihr Weltbild zurechtbiegen und sich gegenseitig manipulieren: „Du bist ein Krüppel, Martin. Das zeichnet dich aus. Gehen kann jeder.“

Wer will, kann einzelne Textstellen durchaus auch auf die Situation der Wuppertaler Bühnen beziehen. Käthe zumindest betont, dass andere große Städte „keine Kultur haben, wie wir sie haben“. Was passieren könnte, wenn die Sparmaßnahmen verschärft greifen, das Ensemble weiterhin verkleinert wird und nicht alle Generationen gleichsam vertreten sind, ist längst abzusehen. Zwar gibt Sophie Basse wie immer alles und redet sich in entscheidenden Momenten perfekt in Rage — aber dass sie eine hochbetagte Seniorin sein soll, nimmt man ihr angesichts des Alters einfach nicht ab.

Dafür spielt Anne-Catherine Studer buchstäblich überragend: Ihre Irmi sieht die Umsiedlung als Chance, ihr Leben zu ändern — tragisch, dass gerade sie, die von allen dreien den realistischsten Blick auf die Welt hat, der Familienhölle am Ende nur durch Suizid entkommen kann. Die Zukunft hingegen gehört Anne Lepper: Die 34-jährige Autorin, die in Wuppertal lebt, gilt zu Recht als große Hoffnungsträgerin der deutschen Theaterszene. „Käthe Hermann“ kam im Januar in Bielefeld heraus. Wäre es nicht mehr als passend, wenn eines ihrer nächsten Stücke in Wuppertal Uraufführung feiern könnte?

Die Premierengäste jedenfalls entschieden sich nach 80 Minuten für ein klares Signal: Am Ende gab es viel Applaus für Ensemble, Bühne, Stück und Regie.

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