Ausstellung: Im abenteuerlichen Prozess entsteht unberechenbare Kunst

Ausstellung : Im abenteuerlichen Prozess entsteht unberechenbare Kunst

„Schweben“: Nikola Ukic stellt in der Hengesbach Gallery aus. Material und Form seiner Skulpturen entstehen gleichzeitig.

In der Schwerelosigkeit des Weltraums, losgelöst von der Erde, verändert sich das Körpergefühl des Menschen. Ein Kontrollverlust tritt ein, der durch die Abhängigkeit von der hochkomplexen Technologie, die den Flug erst möglich macht, noch verstärkt wird. Ein Zustand, den auch der Passagier eines Flugzeugs erlebt, und der Nikola Ukic interessiert. „Schweben“ hat der gebürtige Kroate, der heute in Düsseldorf lebt und arbeitet, seine Ausstellung überschrieben, die seit Sonntag in der Hengesbach Gallery zu sehen ist. Sieben Arbeiten hat der Künstler dafür „einschweben“ lassen.

Ukic ist ein Forscher. Ihn interessiert, wie Technologie wirkt, will wissen, wie Material entsteht und wie es funktioniert. Seine Werke entstehen in einem Prozess, der „immer auch Abenteuer und deshalb so reizvoll ist“, sagt er selbst. Während des Studiums in Zagreb lernte er Polyurethan (PU) kennen, ein schwer zu beherrschender Kunststoff, der sich erst durch Mischen von verschiedenen Komponenten in einer chemischen Reaktion bildet. Dabei werden Wärme und Dämpfe freigesetzt. Diese urgewaltige und eigenständige Energie fasziniert den 1974 geborenen Künstler, der sein Studium in Düsseldorf an der Kunstakademie 2004 beschloss. „Das behandelt man nicht mit der Hand“, das regte zum Ausprobieren an, auch zum Kombinieren mit Beton. Mittlerweile hat Ukic viel experimentiert und reichlich Erfahrungen gesammelt. Auch auf zweidimensionaler Ebene sucht er neue Wege: Auf Aluverbundplatten „malt“ er mit dem „Mittel unserer Zeit“, dem Drucker, digitale Grafiken, summiert vor allem mehr oder weniger weißhaltige bis graue Schichten zu analogen Werken.

Klumpen, deren Oberfläche
an Vulkangestein erinnert

Eine andere Form der Fortentwicklung und Kombination von Skulptur- und Bilderfahrung zeigt die Hengesbach Gallery nebenan: Auf dem Außengelände des Altenheims ist „Gemini“ „gelandet“. Zwillinge besteht aus zwei gleichen, 3,20 mal 1,62 Meter langen festen Formen aus Polymerbeton, die Ukic leicht versetzt übereinandergelegt hat. Glatte und verschachtelte Rahmen, auf die er obendrauf einen UV-Druck mit einem verschwommenen, blasigen Muster aufgebracht hat. Eine Art Mimikry, die sich scheinbar der Umgebung anpasst und im Kontrast zur Konstruktion steht. „Dieses dreidimensionale Foto im öffentlichen Raum ist ganz neu“, erklärt Ukic.

Im Haus liegt eine weitere Arbeit, die „Große Konjunktion“, die Ukic eigens für seine insgesamt dritte Schau bei Rolf Hengesbach in Wuppertal gefertigt hat: Sechs imposante Klumpen bilden eine Reihe auf dem Boden der beiden Räume im Erdgeschoss der Galerie, beherrschen und verbinden diese. Ukic hatte dafür Erdlöcher gegraben, in die er PU goss. „Das Polyurethan brodelte, dehnte sich aus, riss Steine und Erde aus dem Loch heraus, die sich hineinmischten. Ein Vorgang, der an Vulkane erinnert“, erklärt Rolf Hengesbach. Wie bei der erkalteten Vulkanasche bleibt die Bewegung sichtbar. Auf die blasige Oberfläche der leicht kegelförmigen Körper hat der Künstler durchsichtige, kantige, leicht gebogene Schilde mit grauen Querstreifen geschraubt. In Kombination mit dem gebogenen Visier erstarren die Klumpen, der Betrachter erkennt plötzlich menschliche Köpfe mit Schutzschilden vor dem unkenntlichen Gesicht – ob Motorradfahrer oder Polizist.

Auch die fünf grau-weißen Bilder, die Ukic in der Galerie aufgehängt hat, sind keine malerischen, sondern bildhauerische Schöpfungen und stehen für sein Interesse daran, „wie wir Dinge erzeugen, beeinflussen“. Ausgehend von einem Meteoriten, einem Eiswürfel oder einfach einem Längsstreifen entsteht durch mannigfache manipulative Prozesse, die die digitale Bildbearbeitung erlaubt, und durch zahlreiche Druckvorgänge ein Bild, das fast skulpturale Qualitäten hat, schwärmt Hengesbach. Hinweise auf die Veränderungssucht und -macht in der heutigen Gesellschaft.

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