„Ich und Ich“ feiert Premiere: Ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk

Wuppertaler Bühnen : Ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk

Regisseurin Dedi Baron gestaltet das Drama „Ich und ich“ als theatrale Collage.

Else hätte es gefallen. In ausdrucksstarken, emotionalen Bildern gestaltet Regisseurin Dedi Baron das letzte Drama „Ich und ich“ der Wuppertaler Dichterin als theatrale Collage. Viele Sponsoren haben die Aufführung in den Riedel-Hallen anlässlich des 150. Geburtstags von Else Lasker-Schüler (ELS) ermöglicht. Vertreter aus Politik, Kultur und Wirtschaft waren zur Premiere gekommen und spendeten nach zwei Stunden begeisterten Beifall mit Jubelrufen.

Gefühle stehen im Mittelpunkt dieser Inszenierung – schon beim Betreten des Raums. Eine Frau mit Megaphon scheucht das Publikum auf Englisch von einer Seite zur anderen. Aus den Lautsprechern ertönen weitere Anweisungen in verschiedenen Sprachen, kaum verständlich. In der Mitte sitzt ein Mann auf einem Sessel. Die Zuschauer sind irritiert: Ist das schon das Stück? Was wird von ihnen erwartet? So müssen sich Flüchtlinge fühlen im fremden Land. So hat sich wohl auch ELS in Israel gefühlt, als sie ihr Drama schrieb. Studierende der Universität Tel Aviv haben dieses Vorspiel entwickelt und spielen es, ebenso wie ein kurzes Nachspiel im Garten.

Das Bühnenbild nimmt die Zuschauer sofort gefangen

Dann beginnt das eigentliche Stück, die Auseinandersetzung von Faust und Mephisto unter Mitwirkung diverser Nazi-Größen. Das ästhetisch ansprechende Bühnenbild von Kirsten Dephoff nimmt die Zuschauer sofort gefangen: Die große Sandfläche in der Mitte assoziiert Wüste, Einsamkeit, Hitze. Den militärischen Rahmen geben die vielen rundherum aufgereihten Soldatenstiefel. Schauspieler und Tänzer in ihren sandfarbenen Shorts bilden vor allem eine Projektionsfläche für die vielen Themen, die ELS in ihrem Stück lose verbunden hat. Dramaturgin Barbara Noth hat aus dem Text zentrale Aussagen herausgeholt; etwa Fragen wie: Wer ist dein Gott? Was ist die Hölle? Vieles aus dem Stück wird nicht direkt gezeigt, sondern von Thomas Braus erzählt, inklusive Regieanweisungen. Einen der sechs Akte kommentiert er sogar nur im Stil eines Nachrichtensprechers über die im ganzen Raum aufgestellten Monitore.

Ansonsten dominieren die Bilder: Die Tänzerin, die ihren Kopf in den Sand steckt und mit den Beinen zappelt, während um sie herum das Geschehen seinen Lauf nimmt. Soldaten in Stiefeln zum (zu kurzen) Anzug, die in Reihe marschieren. Blut, das aus den Soldatenstiefeln quillt. Marthe Schwertlein, die vor lauter Knicksen den Halt verliert und durch den Sand kullert. Tänzer in schwarzen Tüllröcken mit Leuchtketten um den Hals. Dabei agieren die vier Tänzer und vier Schauspieler als eine Einheit.

Die Dichterin, die in dem Stück ihre Zweiteilung in Gut und Böse abhandelt, begleitet die gesamte Inszenierung: Langsam verwandelt sich Julia Wolff zu Beginn in ELS, zieht deren schwarze Kleidung an, setzt eine passende Perücke auf. Wieder und wieder umrundet sie die Sandfläche, flicht in die Dialoge zwischen Faust und Mephisto Erinnerungen und Empfindungen ein. Frank Schwiklewski mischt in seiner Musik europäische und israelische Klänge, mixt etwa das Deutschland-Lied mit der israelischen Hymne. Ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk.

Das Stück wird noch bis zum 13. Juli täglich um 19 Uhr gespielt. Karten gibt es bei der Kulturkarte. Bis Donnerstag bieten die Wuppertaler Bühnen jeweils um 17 Uhr kostenlose Workshops zu „Ich und ich“ an, teils mit den Studierenden aus Tel Aviv und Berlin.

wuppertaler-buehnen.de

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