Hanns Dustmann entwarf für die Vereinigte Glanzstoff-Fabriken AG das Gebäudeensemble im Herzen Elberfelds.

Glanzstoff-Gebäudeensemble : Moderner und konservativer Bau zugleich

Hanns Dustmann entwarf für die Vereinigte Glanzstoff-Fabriken AG das Gebäudeensemble im Herzen Elberfelds.

Nach so vielen Jahren falle es nicht mehr auf, dass sie in einem besonderen Gebäude arbeite. Sagt Sanne Hedegaard Vigano. Auch die Mieter schätzten wohl eher den Service des 24-Stunden-Pförtners und der hauseigenen Poststelle. Sanne Hedegaard Vigano ist Mitarbeiterin des Gebäudemanagements der Glanzstoffhaus Wuppertal GmbH. Die Gesellschaft erinnert mit ihrem Namen an eine stolze Vergangenheit. Als die international tätigen Glanzstoffwerke in Wuppertal ihre Hauptverwaltung hatten. In einem Gebäude, das mit 55 Metern das höchste der Stadt war. Mittelpunkt eines Ensembles mit drei weiteren Baukörpern.

Als Glanzstoff bezeichnete man den Faden, der aus in Kupfer-Hydroxid und Ammoniakwasser gelöster Cellulose bestand, ein „Abfallprodukt“ der Suche nach einem Glühfaden für die Glühbirnenfabrikation, stabil und glänzend. Und gut in der, im Wuppertal ansässigen, Schmuck- und Besatzartikelweberei verwendbar. Um 1900 trat die „Kunstseide“ ihren Siegeszug an, von Elberfeld in die Welt. Zunächst in unmittelbarer Nähe der Bergisch-Märkischen Bank, ab den 50er Jahren in eigenen Gebäuden, die von 1954 bis 1958 nach den Plänen von Hanns Dunstmann verwirklicht wurden, erinnert Rainer Rhefus vom Historischen Zentrum Wuppertal. Der 1902 in Herford geborene Architekt hatte in den 20er Jahren für Walter Gropius, in den 30er Jahren unter anderem als Reichsarchitekt der Hitlerjugend sowie für Albert Speer gearbeitet. Nach dem Krieg hatte er am Wiederaufbau Düsseldorfs mitgewirkt, beschäftigte sich bis zu seinem Tod 1979 vor allem mit Bank- und Versicherungsgebäuden.

Für die Vereinigte Glanzstoff-Fabriken AG wurde Dunstmann so etwas wie der Hausarchitekt. Er baute auf dem Grundstück zwischen Kasino-, Herzog- und Bankstraße um einen Platz mit zu erhaltendem Baumbestand herum ein vierteiliges, verschieden hohes Ensemble, das die an 17 verschiedenen Stellen in der Stadt untergebrachte Hauptverwaltung konzentrierte. Er bediente sich dabei einer „herben und strengen Formensprache“, die modern, zeitlos und zurückhaltend repräsentativ wirken, sich ins Stadtbild einfügen und zugleich eine frische Note einbringen sollte, wie die Denkmalschützer der Stadt vermerkten, als sie den Komplex 2001 unter Schutz stellten. Die Fassaden wurden mit Travertin- und Graubüttelbrunner Muschelkalkplatten verblendet, deren unterschiedliche Farbigkeit ebenso zur Gliederung eingesetzt wurde wie das gleichförmige Fensterraster.

Dominantes Herzstück ist der nordsüdlich ausgerichtete Hochhausriegel, mit seinen 15 Etagen. Erd- und oberstes Geschoss heben sich mit 4,80 Meter Höhe optisch von den übrigen, 3,20 Meter hohen Etagen ab. Den Haupteingang schmückt ein konkav einschwingendes Vordach, die drei zweiflügeligen, verglasten Eingangstüren zieren bronzene Türgriffe, auf denen der Glanzstoff-Löwe angebracht ist, bei dem es sich um einen Entwurf Arno Brekers handeln soll. Zwar sind im Haupteingangsbereich bis heute die fünf Fahrstühle, Toilettenanlagen und das Mitteltreppenhaus vorhanden, ansonsten wurde die Innenausstattung der von Dustmann flexibel angelegten Räume mit den Jahren verändert.

Ein dreieinhalbgeschossiger Baukörper leitet an der südlichen Schmalseite zum ehemaligen Apollokino über. Das 1957 fertiggestellte Kasinogebäude an der Herzogstraße verfügt über drei Geschosse, ein aufgesetztes Dachgeschoss und einen Dachgarten. In einem zweiten Bauabschnitt errichtete Dustmann 1962 die dreifach gestaffelte Baugruppe des Textil-Technischen Institutes an der Bankstraße, die das Ensemble zu dieser Grundstückseite abschloss. Für die Denkmalschützer ist „das qualitätsvolle, gut erhaltene Architekturensemble“ ein Zeugnis des Wiederaufbaus in den 1950er Jahren, speziell der Bauaufgabe Hochhaus in Wuppertal. Indem Dustmann klassische Ordnungsprinzipien zitiere, auf Transparenz bei der Fassadengestaltung verzichte, konsequent das Konstruktionsprinzip sichtbar mache, seien seine Bauten „exemplarisch für die konservative Strömung der 50er Jahre-Architektur“.

Auch heute noch, da das Hochhaus längst vom Stadtsparkassenturm am Islandufer höhenmäßig überboten wird, und der Weltmarktführer bei synthetische Textilien Vergangenheit ist und nur noch kleinere Nachfolgefirmen der Glanzstoff-Gruppe existieren, fällt der Gebäudekomplex auf, ist gefragt. Das Hochhaus ist als Beratungs- und Dienstleistungszentrum zu 99 Prozent vermietet. Ankermieter ist der japanische Carbon-Faser-Hersteller Teijin, der auch die Leuchtwerbung an der Fassade gemietet hat.

Die insgesamt 26 000 Quadratmeter Nutzfläche des Ensembles werden unter anderem von Anwaltskanzleien, einer Bank, EDV-Firmen, Konferenzzentrum, Schulungscenter, Gastronomie, der Energieagentur NRW, dem Labor- und Entwicklungsinstitut und Chemieunternehmen genutzt. In den letzten drei Jahren wurden mehr als fünf Millionen Euro in Erhaltungs- und Modernisierungsmaßnahmen investiert. Und auf dem Parkplatz in der Mitte der Gebäude werden täglich viele Autos abgestellt.

Mehr von Westdeutsche Zeitung