Großer Jubel für Wiederaufnahme von „Café Müller“ und „Das Frühlingsopfer“.

Premiere : Pinas Klassiker gehen unter die Haut

Großer Jubel für Wiederaufnahme von „Café Müller“ und „Das Frühlingsopfer“.

Sie ist da, das lange Trägernachthemd schlottert um den hageren Körper, die langen Arme umfangen die Leere vor ihr. So humpelt sie schlafwandlerisch die lange Spiegelwand entlang über die dunkle Bühne, stößt gegen einen Stuhl. Helena Pikon schlüpft seit einigen Jahren in Pina Bauschs Rolle in „Café Müller“, macht die Ausnahmechoreographin und die Lücke, die sie durch ihren Tod 2009 hinterlassen hat, schmerzhaft spürbar. Am Wochenende wurde im Opernhaus das nunmehr 40-jährige Stück - wie so oft im Doppelpack mit „Das Frühlingsopfer“ - aufgeführt. Das Tanztheater Pina Bausch findet in Zeiten von Streit und Ungewissheit Sicherheit in der Tradition.
Am Freitagnachmittag war im Schauspielhaus die Ausstellung zum Klassiker aus dem Jahr 1978 eröffnet worden, wo nun Fotos über das Stück sprechen. Wer will, kann in einem Replikat des Uraufführungsprogramms blättern. Unter den Besuchern waren auch die kulturpolitischen Sprecher der Bundestagsfraktionen von CDU und SPD, die vor Ort von der Bedeutung des Pina Bausch-Zentrums überzeugt werden sollten. Das Geld des Bundes wird gebraucht, da die Stadt die Finanzierung allein nicht stemmen kann. Am Abend dann fand sich die lokale und überregionale Prominenz, darunter auch die gekündigte Tanztheater-Intendantin Adolphe Binder, im Opernhaus ein, um sich erneut von der zeitlosen Kraft und hohen Qualität der Kunst Pinas berauschen zu lassen.
Über „Café Müller“ und „Das Frühlingsopfer“, die beiden Kurzstücke aus den Jahren 1978 und 1975, ist vielleicht schon alles geschrieben worden. Dokumentationen, Analysen und Elogen. Auch wenn die Protagonisten, der Zeit geschuldet, wechseln, halten sich heutige Aufführungen, strikt an die überlieferten Inszenierungsvorgaben. Umso faszinierender ist es da, dass beide Stücke, in ihren Unterschieden ebenso wie in ihren Gemeinsamkeiten, eine ungebrochene Anziehungskraft haben, Gefühle ansprechen, unter die Haut gehen. So auch dieses Mal. Wozu als Novum das Sinfonieorchester live beiträgt, das unter Leitung von Henrik Schaefer die Tänzer einfühlsam begleitet oder antreibt, das Geschehen auf der Bühne intensiviert.

Den Anfang macht wie immer „Café Müller“ - Pina Bausch verbindet hier ihre persönliche Sicht mit früheren Tanzformen und neuem Bewegungstheater. Die „Versuchansordnung“ sieht drei Männer und drei Frauen vor. Alle agieren in Rolf Borziks Bühnenbild aus unzähligen Stühlen, Zeichen abwesender Menschen, die im Weg stehen, ein gefährliches Hindernis, wenn sie nicht aus dem Weg geräumt werden. Zwischen Stillstand, langsamen oder hektischen Bewegungen schlägt die Suche nach Anlehnung, Ansprache und menschlicher Nähe fehl. Echte Kommunikation findet nicht statt, krampfhafte Umarmungen werden stoisch beendet, ein Verlassen der Bühne scheitert an der Wand oder in einer Drehtür. Dazu Arien und Klagelieder des englischen Barockkomponisten Henry Purcell, die Marie Heeschen (Sopran) und Lukas Jakobski (Bass) singen. Oder bedrückende Stille, die die Gefühle der Einsamkeit und Fremdheit verstärken, unerträglich werden lassen. Azusa Seyama, Helena Pikon, Nazareth Panadero, Paul Aran Gimeno, Scott Jennings und Michael Strecker beweisen erneut ihr großes Können.

Ein archaischer Platz für den Kampf der Geschlechter

Nach der Umbaupause dann Pinas letztes, im traditionellen Sinn durchchoreographiertes Stück. „Das Frühlingsopfer“ steht in der Tradition des deutschen Ausdruckstanzes, enthält zugleich wesentliche Stilmittel der Choreographin. Ein mitreißendes Stück über die Entfremdung von Frauen und Männern. Angetrieben durch die gewaltsame Musik, die Igor Strawinsky 1913 komponierte und die das Sinfonieorchester präzise und temperamentvoll spielt. Dazu eine mit Erde bedeckte Bühne - Borziks archaischer Kampfplatz, auf dem sich die Tänzerinnen und Tänzer abarbeiten. Ihr schwerer werdender Atem ist gut hörbar. Stampfende, an Schläge erinnernde Bewegungen in Gruppen oder im Kreis, wie bei einem Ritual, wechseln mit fließenden, wilden Läufen. Jede kann das rote Kleid als Symbol überreicht bekommen, um den Todestanz vollziehen zu müssen, der bei Pina weniger den Gott des Frühlings günstig stimmen als den Geschlechterkampf ausdrücken soll. Tsai-Chin Yu hat diese Rolle schon oft getanzt, sie tut es - wie die anderen auch - mitreißend, konsequent, erschöpfend. Nicht enden wollender Jubel und Applaus beschließt einen großen Abend.

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