Wuppertaler Schauspiel: Gorkijs „Kinder der Sonne“: Eine Welt kurz vor der Revolte

Wuppertaler Schauspiel: Gorkijs „Kinder der Sonne“: Eine Welt kurz vor der Revolte

Das Wuppertaler Schauspiel bringt Gorkijs „Kinder der Sonne“ auf die Bühne des Theaters am Engelsgarten.

Wuppertal. „Petersburger Blutsonntag“ hat man den 22. Januar 1905 getauft. Mehrere hundert Tote gab es, als der Zar seine Soldaten in die Menge der friedlichen Demonstranten schießen ließ, die zum Winterpalais zogen. „Der erste Tag der Revolution war der Tag des moralischen Zusammenbruchs der russischen Intelligenz.“

So deutet Maxim Gorkij die Ereignisse, die dann zur Oktoberrevolution führten. Nach dem Blutsonntag wurde der Revolutionär festgenommen. In der Festungshaft schrieb er das Drama „Kinder der Sonne“. Im Theater am Engelsgarten hat das Wuppertaler Schauspiel am 3. Juni Premiere mit diesem Stück. In Anbetracht der Flüchtlingsströme und einer immer weiter auseinander gehenden Schere zwischen Armen und Reichen ist Gorkijs Drama für Regisseurin Helene Vogel und Dramaturgin Cordula Fink hochaktuell. „Es ist eine Geschichte der Intellektuellen und derer, die das Leben nicht schont“, erläutert Fink.

In der Villa des Wissenschaftlers Protassow gehen Künstler und Bürger ein und aus, für die Bediensteten ist es der Ort der Arbeit. „Die Villa fungiert dabei als Schutzraum“, sagt Vogel. „Es ist genau festgelegt, wer hereinkommen darf und wer nicht.“ Während draußen die arme Bevölkerung Angst vor einer nahenden Epidemie hat, sin-nieren die Intellektuellen drinnen, wie ein ideales Leben gestaltet werden, wie ein besserer Mensch geschaffen werden kann. Vogel: „Gorkij schafft es sehr gut zu zeigen, wie hinter den ganzen Liebesgeschichten und den Gesprächen die Gesellschaft anfängt zu bröckeln.“ In der Villa verschanzt suchen die „Kinder der Sonne“ theoretisch nach Lösungen - aber nicht alle sollen vom Schutzraum profitieren. Der Schritt von der Theorie zur Praxis bleibt aus, während sich Unruhen breit machen.

„Wir Menschen sind alle Kinder der Sonne“, ist Protassows Credo — aber tatsächlich passiert nichts. „Trotz aller aktuellen Bezüge war es ein langer Prozess, dieses Werk ins Heute zu holen“, erklärt die Regisseurin. Ein stilisierter Wohnraum mit mehreren Zugängen, ein Wintergarten als scheinbare Verbindung nach draußen bestimmen die vier verschiedenen Akte auf der Drehbühne. „Dabei sind besonders die Zwischenräume wichtig“, sagt Bühnenbildner Philip Rubner. Der Wintergarten als Desinfektionsanstalt: „Hier entscheidet es sich, wer hinein darf.“ Auch die Lichtschranken auf der Bühne dienen dieser Ab- und Ausgrenzung: Sie gaukeln Transparenz und Offenheit vor, schaffen aber Grenzen.

In diesem Sinne ist auch die Bekleidung gestaltet. „Sie zeigen das Wuppertal heute, eine moderne bürgerliche Schicht“, so Elisabeth Weiß, die für Kostüme verantwortlich ist. Mit vielen Farben soll ein buntes Bild gezeigt werden. Sie spiegeln auch die Ansichten der Protagonisten wieder. Aber die Kleider sind wie aufgetragen: „Nach außen gibt es ein schönes Bild, nach innen zerfällt es.“ Denn die feine Gesellschaft lebt schon lange über ihre Verhältnisse. Gegenbild dazu ist der Immobilienmakler Nasar, ein geldraffender Aufsteiger: Das „neue“ Geld begegnet dem „alten“. Noch scheint die Gesellschaft mit ihren Planspielen in der Villa sicher. Aber die Bedrohung ist greifbar.

Für Dramaturgin Cordula Funk ist der Weg in die Gegenwart nicht weit: „Es entwickelt sich ein Bedrohungsszenario, wie wir es heute kennen.“

Mehr von Westdeutsche Zeitung