Glanzstoff-Ensemble entwickelte eigenes Stück auf der Basis des Buches „Mir nach!“.

Premiere : Mut zur eigenen Entscheidung lohnt sich

Glanzstoff-Ensemble entwickelte eigenes Stück auf der Basis des Buches „Mir nach!“.

„Mir nach!“ lautet die Aufforderung. Eindeutig, die Richtung vorgebend. Das Echo freilich ist alles andere als das. Es ist vieldeutig, bunt – wie das Leben, wie die Menschen sind. Genau so legten Juliette Schenkel und Sabrina Kaminski ihre Interpretation des Buches „Mir nach!“ von Nadine Brun-Cosme an: Sie forderten das Ensemble des inklusiven Glanzstoff-Theaters auf, ihre eigenen Geschichten zu erzählen. So entstand eine sehr persönliche Szenenabfolge, die die zwölf Protagonisten zur übergroßen Freude der Zuschauer an drei Terminen im Theater am Engelsgarten am Wochenende aufführten. Ein gelungener Einstand für das Debütstück des Regieteams Schenkel und Kaminski.

2016 kam die Geschichte über Leon, den Großen, der vorangeht und Max, dem Zweiten, und Henri, dem Kleinsten, die Welt erklärt, zugleich auf sie aufpasst, auf den Markt. Ein Bilderbuch für Menschen ab drei Jahren, mit zauberhaften Bildern von Olivier Tallec. Nadine Brun-Cosme erzählt von der Kunst und der nicht immer einfachen Aufgabe, seinen Platz in Welt und Leben zu finden. Ein Platz, der nicht immer in der schützenden aber fremdbestimmten Obhut der Menschen bleiben muss, die meist zu wissen scheinen, wo es lang geht. Der sich auch im Mut zur eigenen Entscheidung, zum riskanten, aber befreienden Schritt vor den großen Leon finden kann.

Auch in Wuppertal machte sich eine ungleiche Gruppe auf den Weg, eine Gruppe, die zwischen Führung und Geführtwerden schwankt, die immer wieder zueinander findet, dabei die Welt erkundet. „Uns war wichtig, dass die einzelnen ihre Geschichten erzählen“, erklärt Juliette Schenkel. Texte und Inhalte wurden mitgestaltet, die Buch-Vorlage als Basis für ein eigenes Theaterstück genutzt. Von der Lieblingsinsel, „die ich in meinen Herzen immer mittrage“, bis zum ausgelassenen Spiel mit bunten Luftballons, vom launigen Gedichtvortrag über den Schauder, der über den Rücken läuft, nachdem vor den Schatten der Nacht Zuflucht unter der Bettdecke genommen wurde, bis zum Bekenntnis zur eigenen Freiheit, die erlaubt, „all das zu machen, was ich will. Auch Fehler“.

Eine Wunschverkäuferin und
ein Kapitän mit Fernrohr

 Die Bühne ist sparsam bestückt. Eine Tür, ein Bett, die im Laufe der Aufführung wandern, die als Ein- und Ausgang zu den einzelnen Szenen genutzt werden, sich von der Schlafstätte zum Paddelboot oder Flugzeug und zurück wandeln. Viel Raum für die Fabelwesen, die sich hier tummeln. Immer unterwegs, sie sind ja auf der Reise, selten alle in einer Richtung, oft jeder für sich allein, versunken in Tanz- oder andere Bewegungsabläufe zu träumerischen Klavier- oder hämmernden Elektroklängen. Sarah Prinz hat das Ensemble mit viel Liebe zum Detail in phantasievolle, meist erdfarbene Kostüme gesteckt, Füße und Köpfe in Anlehnung an die Tierwelt mit Flossen, Hufen, Hahnenkamm, Eselsohren oder Gamshörnern geschmückt. Indivduelle Wesen, die sich gleich zu Anfang nicht einigen können, welchem Schild „Da lang“ oder „Hier lang“ sie folgen. Die dem mit Fernrohr ausgerüsteten Kapitän zwar mehr oder weniger interessiert zuhören, wenn er vom Frachtschiff oder Delfinen erzählt, die er in der Ferne entdeckt. Den großen roten Luftballon will aber jeder selber sehen, was zum symbolträchtigen Gerangel um den besten Platz führt. Und zur Zerstörung des begehrten Objekts.

Da hat es die schlagfertige Wunschverkäuferin einfacher, die ewiges Lächeln (mittels übergroßer Gebisse) ebenso feilbietet wie Freude (durch Lachgas) oder Gesundheit (mittels Teegenuss). „Mir nach!“ bot in Wuppertal, witzig-poetische und manchmal anrührende Lebenserkenntnisse für Menschen, die neugierig und offen sein wollen.

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